Seine Biografie prädestiniert Semprún zum Vorreiter einer großen europäischen Union: »Ich bin nicht vaterlandslos, ich habe mehrere Heimatländer zugleich.« Semprun wuchs zweisprachig auf, ging in Spanien, Frankreich und Holland zur Schule, überlebte später als bekennender Anti-Faschist das Konzentrationslager Buchenwald, arbeitete als Übersetzer für die Unesco in Paris, kämpfte im Untergrund gegen die Franco-Diktatur, und Ende der 80er Jahre wurde er unter Felipe Gonzalez spanischer Kulturminister.
Seinen ersten Roman Die große Reise, in dem er seine Erfahrungen als KZ-Häftling beschrieb, verfasste er Anfang der 60er Jahre, als er wegen einer zweiwöchigen Polizeirazzia ein Versteck in Madrid nicht verlassen konnte. Unter dem Namen Federico Sanchez war Semprún geistiger Führer der spanischen Untergrund-KP und einer der meist gesuchten politischen Gegner des blutigen Franco-Regimes. Semprún konnte sich in seine lebenslange Zweitheimat Paris absetzen, sein Nachfolger in der spanischen KP, Julian Grimau, wurde im Frühjahr 1963 in einem Madrider Vorort hingerichtet.
Jorge Semprun, der am 10. Dezember 1923 in Madrid als Sohn eines liberalen Juraprofessors geboren wurde und später an der Sorbonne Philosophie studierte, ist nie politische Kompromisse eingegangen und hat für seine Ideale auch das eigene Leben aufs Spiel gesetzt. Als er 1964 (wegen liberaler Tendenzen) aus der spanischen KP ausgeschlossen wurde, widmete er seine ganze Energie dem Schreiben, das zumeist stark autobiografisch gefärbt war. Neben Drehbüchern für die Regisseure Alain Resnais und Costa Gavras erschien 1969 der selbstkritische Roman Der zweite Tod des Ramon Mercader, in dem er mit dem Kommunismus abrechnete und seine eigene Rolle kritisch hinterfragte.
Als sein zweiter Buchenwald-Roman Was für ein schöner Sonntag (1980) erschien, bekannte Semprun, der das Gros seiner Bücher auf Französisch schrieb: »Ich bin kein echter Spanier und kein echter Franzose. Ich bin weder Schriftsteller noch Politiker. Ich bin nur ein Überlebender von Buchenwald.«