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Freitag, 25. Mai 2012 | 09:11

Autorenporträt: F. C. Delius

30.08.2011

Weltmeister war einmal

»Mir kam er bekannt vor. Ich musste ihn schon einmal gesehen haben. Er lief in militärischer Haltung die Straße hinunter. Sein Gesicht war kantig und braungebrannt. Sein Auge blickte kalt und zugleich misstrauisch...«

(frei nach Der Tod in Rom)

Noch kein Nachruf auf F. C. Delius. Notizen zum Erlanger Poetenfest von HUBERT HOLZMANN

 

Was bewegt den Dichter und diesjährigen Büchnerpreisträger Friedrich Christian Delius, wenn er – kurz vor seiner Lesung und dem Gesprächsabend mit dem Literaturkritiker Wilfried F. Schoeller – distanziert und zugleich Distanz wie in einem Koeppen-Roman gebietend die Gassen – nein nicht am Tiberufer entlang, sondern um das Erlanger Markgrafentheater entlang läuft? Ist er das einsam »verkannte Genie« oder doch einfach der »kritische, findige und erfinderische Beobachter der deutschen Bewusstseinslagen im 20. Jahrhundert« wie ZEIT online schreibt. Ist eine Werkschau aber nicht immer schon etwas Ende?

 

Auch W. F. Schoeller, ein wichtiger Literaturkritiker und langjähriger Berater des Erlanger Poetenfests, sieht Friedrich Christian Delius, geboren 1943 in Rom, in seiner Einführungsrede noch immer in der Rolle des Chronisten und Erkunders »unserer deutschen Gegenwart«. Schoeller hebt ihn jedoch auch als einen Chronisten derjenigen hervor, die aus der Bahn geworfen worden sind. Für den Schriftsteller und Dichter F. C. Delius, der in seinem Werk besonders die geschichtswürdigen Augenblicke und wie im Nebenbei auch die merkwürdigen Situationen aus den frühen Jahren der Bundesrepublik zum Schreibanlass nimmt, muss Schoellers hymnische Begrüßung bereits wie ein vorweggenommener Nachruf klingen.

 

Anekdotisches

Der Abend ist dann auch der Versuch einer Bestandsaufnahme des Schreibens von Delius. Eine einfache Dreigliederung erfolgte: Zunächst wird das Biografische der Texte betont: Der Weltmeistertext Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde (1954) wird als persönlicher Gegenentwurf zur Welt des Vaters, einem evangelischen Pfarrers, gedeutet. Fußball im Pfarrhaus ein »no go« und »Gegenereignis«, eine Abgrenzung, Befreiung. Das Bildnis der Mutter als junge Frau (2006) hingegen das »Herzensbuch«, aus dem Delius die Episode an der Piazza del Popolo liest – dialektisch, humoresk, mit feiner Ironie.

 

Die zweite Abteilung ist sodann seine Arbeit als Sprachkritiker. Gerade in den 60ern war Sprachkritik eine der zentralen Themen, galt es doch den zersetzenden Propagandaton des Dritten Reiches zu bearbeiten. Schoeller stellt dem Publikum die Schriften von Delius vor: die Dokumentar-Polemik Wir Unternehmer (1966), die Denkschrift Einige Argumente zur Verteidigung der Gemüseesser  (1984), die neu aufgelegte Dissertation von 1971 Der Held und sein Wetter. Der Kritiker Schoeller doziert, erklärt die 68er-Denkweise lang und breit, salbadert, langweilt. Schafft keine wirklichen Gesprächsanlässe, fragt nicht wirklich nach, ohne kritische Distanz. Delius versucht sich vorsichtig davon abzusetzen. Er sieht  sich und sein Schreiben im Jahr 1966 verwurzelt, wo man sich noch nicht auf eine Ideologie festlegte und starre Scheuklappen anlegte, sondern gerade eben Öffnung und politische Belebung vorherrschten.

 

Lebendiger wird es im Saal, als Schoeller auf den Text von 1972 Unsere Siemens-Welt. Eine Festschrift zum 125jährigen Bestehen des Hauses S. zu sprechen kommt, in der Delius hochironisch die Errungenschaften der Siemens AG auflistet. (Gelächter im Saal! – Alte Erlanger, eventuell vielleicht sogar Siemensmitarbeiter, scheinen sich dieser Satire wohl noch zu gut zu erinnern. Jedenfalls schrieb Delius mit dem Band durchaus bundesrepublikanische Prozessgeschichte.) Spannend aber wiederum nur das, was Delius zu erzählen weiß: Vergnügen im Saal über seine Lesung in einem Erlanger Wirtshaussaal und seine spätere Begegnung mit einem der Siemens-Bosse auf dem Erlanger Poetenfest.

 

Der dritte Teil des Abends war Delius’ Werken gewidmet, die auf Dokumenten der Wirklichkeit, des Alltags oder des Abstrusen beruhen. Die Flatterzunge (1999) oder auch Die Frau, für den ich den Computer erfand (2009) sind hier zwei Beispiele. Delius reizt erneut die Grenzüberschreitung aus. Es ist nicht das Sympathische an den Helden, das ihn interessiert, eher das Novellistische, Mehrdimensionale am Stoff. Das alles auch für Wilfried F. Schoeller Grund genug dafür, Delius in diesem Jahr den Büchnerpreis zu verleihen.

 

Zum Abschluss: Delius liest aus seinem 2005 erschienenem Prosaübungen Die Minute mit Paul McCartney (2005), ein Buch, das die merkwürdige Begegnung des Studenten Delius mit dem Beatles-Sänger zum Anlass nimmt, diese in 66 Variationen immer neu zu erfinden. Wirklich neu? In Zeiten eines fränkischen Politikbarons ein durchaus gefährliches Unterfangen. Kostete das copy & paste-Verfahren nicht schon manchen Dr. Auch der zukünftige Büchnerpreisträger F. C. Delius erfindet nichts Eigenes. Wurde doch diese Idee »bunter Fächer von Stil- und Tonarten, von literarischen Kompositionen, Satz- und Wortspielen«, »sogar mit Haiku und Sonett«, bereits 60 Jahre vor ihm geboren, genauer im Jahr 1947 und unter dem Titel Exercices de Style.

 

Raymond Queneau war der Autor, heute vielleicht noch für seinen Roman zu Louis Malles Film Zazie in der Metro bekannt. (Stilübungen heißt dieses Buch in der deutschen Übersetzung von Ludwig Harig und Eugen Helmlé, die seit 1961 bei Suhrkamp vorliegt, und 1990 wiederaufgelegt wurde). Auch eine Art geistiger Übernahme, Herr Delius. Fazit des Erlanger Abends: Finis Schoeller! Finis Delius! Nichts Neues vom Weltmeister und seinem Kommentator.

 

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