Anekdotisches
Der Abend ist dann auch der Versuch einer Bestandsaufnahme des Schreibens von Delius. Eine einfache Dreigliederung erfolgte: Zunächst wird das Biografische der Texte betont: Der Weltmeistertext Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde (1954) wird als persönlicher Gegenentwurf zur Welt des Vaters, einem evangelischen Pfarrers, gedeutet. Fußball im Pfarrhaus ein »no go« und »Gegenereignis«, eine Abgrenzung, Befreiung. Das Bildnis der Mutter als junge Frau (2006) hingegen das »Herzensbuch«, aus dem Delius die Episode an der Piazza del Popolo liest – dialektisch, humoresk, mit feiner Ironie.
Die zweite Abteilung ist sodann seine Arbeit als Sprachkritiker. Gerade in den 60ern war Sprachkritik eine der zentralen Themen, galt es doch den zersetzenden Propagandaton des Dritten Reiches zu bearbeiten. Schoeller stellt dem Publikum die Schriften von Delius vor: die Dokumentar-Polemik Wir Unternehmer (1966), die Denkschrift Einige Argumente zur Verteidigung der Gemüseesser (1984), die neu aufgelegte Dissertation von 1971 Der Held und sein Wetter. Der Kritiker Schoeller doziert, erklärt die 68er-Denkweise lang und breit, salbadert, langweilt. Schafft keine wirklichen Gesprächsanlässe, fragt nicht wirklich nach, ohne kritische Distanz. Delius versucht sich vorsichtig davon abzusetzen. Er sieht sich und sein Schreiben im Jahr 1966 verwurzelt, wo man sich noch nicht auf eine Ideologie festlegte und starre Scheuklappen anlegte, sondern gerade eben Öffnung und politische Belebung vorherrschten.
Lebendiger wird es im Saal, als Schoeller auf den Text von 1972 Unsere Siemens-Welt. Eine Festschrift zum 125jährigen Bestehen des Hauses S. zu sprechen kommt, in der Delius hochironisch die Errungenschaften der Siemens AG auflistet. (Gelächter im Saal! – Alte Erlanger, eventuell vielleicht sogar Siemensmitarbeiter, scheinen sich dieser Satire wohl noch zu gut zu erinnern. Jedenfalls schrieb Delius mit dem Band durchaus bundesrepublikanische Prozessgeschichte.) Spannend aber wiederum nur das, was Delius zu erzählen weiß: Vergnügen im Saal über seine Lesung in einem Erlanger Wirtshaussaal und seine spätere Begegnung mit einem der Siemens-Bosse auf dem Erlanger Poetenfest.