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Freitag, 25. Mai 2012 | 09:11

Porträt International: Liao Yiwu

05.09.2011

Überlebenswille, Mut, Ausdauer und Stärke

Die Lesung und das Gespräch mit dem chinesischen Dichter Liao Yiwu war ein Höhepunkt beim diesjährigen Erlanger Poetenfest. Sein neues Buch über die chinesischen GULAGS Für ein Lied und hundert Lieder. Respekt und Anerkennung von HUBERT HOLZMANN

 

Liao Yiwu, der 1958 in der Provinz Sichuan geboren ist und sich jahrelang mit den verschiedensten Tagelöhner-Jobs und als Dichter durchschlug, wurde für sein Gedicht Massaker (1989) von der chinesischen Justiz zu vier Jahren Haft verurteilt. In der Gefangenschaft wurde er schwer misshandelt. 2007 wurde Liao Yiwu vom unabhängigen Chinesischen PEN-Zentrum mit dem Preis »Freiheit zum Schreiben« ausgezeichnet. Sein von Presse und Publikum bejubelte Buch Fräulein Hallo und der Bauerkaiser – Chinas Gesellschaft von unten konnte erstmals 2009 in deutscher Übersetzung erscheinen.

 

Sein neuestes Buch Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen hätte, wäre es nach der chinesischen Zensur gegangen, nie erschienen dürfen: Das Manuskript wurde im Gefängnis zweimal beschlagnahmt und vernichtet. So musste der Autor sein Buch eigentlich dreimal schreiben. Und an eine Veröffentlichung in China war nicht zu denken. Trotz allem wurde Liao Yiwu nach vielen vergeblichen Versuchen im Herbst 2010 eine Lesereise nach Deutschland gestattet. Er kehrte nach einigen Wochen nach China zurück und geriet erneut unter starken Druck. Insbesondere wurde gegen ihn ein Publikationsverbot verhängt. Anfang Juli 2011 ist ihm die Ausreise nach Deutschland gelungen.

 

Schreiben als Zeugnis

Prof. Thomas Fröhlich vom Erlanger Lehrstuhl für Sinologie verstand es vortrefflich, dem Zuhörer die Situation in China, in der Liao Yiwu aufwuchs und lebte, vor Augen zu rücken. Äußerst sensibel, erklärte er dem Publikum die Veränderungen im Schreiben des chinesischen Autors. Im Zentrum des Werks sieht natürlich auch Fröhlich das Gedicht Massaker von 1989, das einen Wendepunkt in Liao Yiwus Leben und Schreiben markiert und als Untergrundtext in China kursierte.

 

In der anschließenden Gesprächsrunde – die Übersetzung lieferte die Menschenrechtlerin und Vorsitzende des unabhängigen chinesischen PEN-Centers Tienchi Martin-Liao – waren die Zuhörer im ausverkauften Erlanger Markgrafentheater gefesselt von der ruhigen, überlegenen Art und Weise, wie der Dichter über seine Arbeit und seine fürchterlichen Erlebnisse sprach: Vieles war präzise Analyse, manches aber trotz allem mit feinem Witz und Sarkasmus garniert – zum Beispiel als Liao Yiwu die Parallelen der Gefängniswelt und der chinesischen Gesellschaft erklärt oder etwa wenn er von seiner Zeit nach der Haft erzählt: »Jetzt hat sich alles verändert, Freunde, Verwandte sehen mich als Aussätzigen. Sie verstehen mich nicht, sie besuchen mich nicht. Nur die Polizisten verstehen mich. Sie besuchen mich immer wieder.«

 

Das zeugt vom ungeheueren Überlebenswillen, vom bewundernswerten Mut, von der Ausdauer und Stärke des Chinesen Liao Yiwu. Und so muss auch seine Aussage verstanden werden, dass der Mainstream der chinesischen Literatur längst vor der Realität kapituliert hat. Für ihn bedeutet das Jahr 1989 einen ewigen Schmerz: China wird zum Müllhaufen, ist politisch intrigant und verfolgt eine gemeine Strategie: den Menschen ohne Geschichtsbewusstsein.

 

In der gegenwärtigen Situation in der Emigration bedeutet das Schreiben für Liao Yiwu Bewältigung. China trägt er in seinem Herzen. Auf seiner Ausreise konnte er wenig mitnehmen: nur zwei Bücher, das Shiji mit Aufzeichnungen über das Alte China und das I Ging, das Buch der Wandlungen. Den Autor und Geschichtsschreiber des ersten Buches ließ der damalige Kaiser kastrieren. Das zweite überliefert den Weg des Himmels. Beide haben bedeuten für Liao Yiwu vor allem das eine: die Wahrheit, auch wenn dafür ein hoher Preis zu bezahlen ist. Er will sein Schreiben in Berlin fortsetzen. Er plant ein neues Buch: Es werden keine Gedichte mehr sein. Für Liao Yiwu »geht die Geschichte weiter. Nächstes Jahr werde ich ein Buch herausbringen über die Opfer des 4. Juni, eine kollektive Zeugenaussage. Mit anderen Worten: Selbst wenn ich physisch in Berlin bin, kann ich mein Schreiben fortsetzen.«

 

Der Schauspieler Markus Hoffmann las einige beeindruckend dunkle Passagen aus dem neuen Buch Für ein Lied und hundert Lieder und am Schluss zwei Gedichte: das Titelgedicht Für ein Lied und hundert Lieder, ein Text in der Form des Langgedichts, das von einem sadistischen Gefängniswächter handelt, und die sehr poetische Sternennacht. – Zwei Texte, die jedoch vor allem im Vortrag von Liao Yiwu (er flüstert, schreit, leidet, singt, spielt Flöte, untermalt mit dem tibetanischen Glockenton der Klangschale) selber ungeheuer ergreifend waren. Beeindruckend. Bestürzend. Bleibende Eindrücke.

 

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