Irgendwo zwischen Tup’s Fold und Tone Gulley ist The Widow Blades verschwunden. Ihre Geschichte hat die beiden Mitglieder der Band Reigns aus nicht mehr losgelassen und deswegen besuchten sie die Orte, an denen sich die Frau aufhielt, benutzten den modernen Mythos und eine Chemikalie namens Hybrium Sulfat als Inspiration für ihr einstündiges Konzeptalbum. Recherchiert man dem etwas hinterher, wird man regelrecht vor den Kopf gestoßen: 1. Wessex existiert nicht, jedenfalls nicht mehr – das englische Königreich gibt es seit dem 10. Jahrhundert nicht mehr. 2. Die Ortsnamen sind frei erfunden, ebenso wie 3. die rätselhafte Droge. Und nicht zuletzt gibt das Internet keinen Hinweis auf eine verschwundene Frau namens Millicent Blades, lediglich auf drei quicklebendige. Soviel post-moderne Possenspielerei ist schon ein starkes Stück, aber irgendwer dürfte schon darauf reinfallen und den Briten ihre Twin Peakseske Geschichte glauben.
Immerhin das Album ist real und es wird wohl seine Urheber haben. Die werden ihre Aufnahmen wohl eher im heimelig-warmen Studio als im klirrenden Blizzard gemacht haben, aber das hört man den elf Songs kaum an: Die senden jede Menge Frost aus. Von der mysteriösen Klaviermelodie, mit der der Opener Over Tone Gulley ihren Anfang nimmt über den psychedelischen Four And A Half Minutes Missing bis zum 19minütigen Finale von The Mounds spinnen Reigns einen unheimlichen, bedrückenden roten Faden. Faktizität hin oder her, selbst hat man nicht den fantastischen Pressetext zur Hand, stellt sich genau das richtige Gefühl ein. Atmosphärisch passt die Geschichte zur Musik wie die Faust aufs Auge. Minimalistischer Folk, seichte Klavierpassagen oder Synthie Dark Wave, The Widow Blades ist ein ausgewogenes Album. Das hat leider auch seine Längen. Mag einerseits an den ausführlichen Texten geschuldet sein oder andererseits die Tatsache, dass Reigns eigentlich Musik für einen Film komponieren wollten, ohne den erst drehen zu müssen. Tröstend dann, dass das Duo auch eingängige Hits kann: I Will Burn For This ist radiotauglich, nur eben fürs Nachtprogramm einer Winternacht.
Selbst, wenn The Widow Blades nicht durchgängig fesseln kann, insbesondere das Schlussstück ein Monument der Langatmigkeit darstellt: Reigns ist ein beeindruckendes Album gelungen, das bei aller musikalischen Vielseitigkeit eine klare Linie verfolgt. Das mag für sie ein Trost sein, denn schließlich haben sie keine aufschlussreichen Antworten gefunden auf das Verschwinden der Millicent Blades. Aber das haben sie wohl auch kaum erwartet.
