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Freitag, 25. Mai 2012 | 09:17

AUN: Phantom Ghost / Birds of Passage and Leonardo Rosado: Dear and Unfamiliar / White Darkness: ToKAG

27.10.2011

Töne zu Buchstaben!

Denovali hat sich über die letzten Jahre zu einer der besten Adressen für experimentelle Musik gemausert. Auffällig viele der Bands aus dem Roster des deutschen Labels, das elegant den Spagat zwischen hochqualitativer Audiophilie, Professionalität und DIY-Ethos schlägt, verweisen gerne auf den Einfluss von Filmen. Aber muss es immer Zelluloid sein? KRISTOFFER CORNILS über drei neue Alben, und welche Bücher man prima dazu lesen könnte.

 

Der Vorteil von Büchern gegenüber Filmen ist ja schließlich, dass man sich seinen Soundtrack selbst zusammenstellen kann. Und was wäre in der sich immer deutlicher ankündigenden Jahreszeit schöner, als sich mit einem Klassiker und passender musikalischer Untermalung ins heimische Wohnzimmer zurückzuziehen? Behaupten wir einfach mal: Kaum was.

 

Reise durch einen ganz eigenen Kosmos: AUN

AUN haben bereits mit ihren ersten beiden LPs mehr als überzeugt. Spaciger Ambient traf auf Noise und irgendwo schlich sich nach und nach immer mehr Struktur in das Ganze. Jetzt ist das kanadische Duo mit einem nicht minder fantastischen Album zurück und mittlerweile bei Shoegaze-Referenzen angelangt. Bei so viel Emsigkeit drängt es sich auf den ersten Blick vielleicht nicht auf, aber warum sich nicht mal La Divina Commedia von Dante Alighieri greifen? Zugegeben: Neben dem zweitmeistkommentierten (neben der Bibel) Buch der abendländischen Kulturgeschichte Stand zu halten ist eigentlich unmöglich, aber die Parallelen sind da: Was bei Dante die metrische Formstrenge ist, das erledigen bei AUN der immer deutlicher erkennbare Fokus auf Strukturen im Songwriting, der Einsatz von Drums und die elegant gezogenen Spannungsbögen. Und: Wer sein Album mit Chorpassagen beginnen lässt, gibt ihm sowieso eine etwas spirituelle Dimension. Die trifft mal wieder auf Visionäres, denn die gewissen spacigen Elemente machen noch viel vom Sound der beiden Künstler aus.

 

Bei Dante geht es zwar zuerst tief hinab statt hoch hinaus, aber ist der Protagonist erst mal im dritten Buch wieder ganz oben angelangt, könnte Phantom Ghost die Himmelschöre schnell ersetzen. Etwas entrückt, außerweltlich und wunderschön shoegazen und dronen sich die Songs durch Sphären, die irgendwie fiktiv wirken. Schade nur, dass das 43minütige Album doch etwas zu kurz ist, um mit dem Meilenstein der Literaturgeschichte mitzuhalten – aber dafür kann man sich noch sehr gut auf den Backkatalog der Band stützen. Phantom Ghost nimmt seine Hörerschaft auf eine Reise durch einen ganz eigenen Kosmos. Ob man am Ende Gott höchstpersönlich ins Auge blickt oder nicht, das bleibt wohl der Fantasie eines jeden Einzelnen überlassen.

 

Sich zuhause einschließen: Birds of Passage and Leonardo Rosado

Birds Of Passage, dahinter verbirgt sich Alicia Merz, die neuseeländische Minimal-Pop-Künstlerin, für die laut TOM ASAM ja der »Ruhepuls eines Hochleistungssportlers und der Willen zum akustisch gestützten Blick nach innen«  vonnöten ist. Auch, wenn ihr neues Album Dead and Unfamiliar sich – mit Unterstützung vom portugiesischen Klangkünstler Leonardo Rosado – den Songtiteln nach (Here’s Lookin‘ At You, Kid oder auch We’ll Always Have Paris) am Kino-Evergreen Casablanca orientiert: Als Lektüre drängt sich am ehesten À Rebours (z. Dt.: Gegen den Strich) von Joris-Karl Huysmans auf. Denn was passt besser zu dem überästhetischen Solipsismus des Hyperkauzes Des Esseintes als der reduzierte, sphärische Sound dieses Albums? Musik, mit der man sich zuhause einschließen kann, um sich ganz für sich an ihrer Ästhetik zu erfreuen.

 

Wie das Leben des Eigenbrötlers aus Huysmans‘ Roman aus dem Jahr 1884 kommt Dear And Unfamiliar ohne viel Höhepunkte aus und wem die dekadente Geschichte um den französischen Adeligen zu langweilig war, der könnte auch vor diesem Album zurückschrecken. Man muss sich verlieren können. Und wenn man es kann, nehmen einen die hallgeschwängerte Stimme von Merz mit ihren fragil gehauchten und trotzdem kraftvollen Melodien ebenso wie die dezenten Drones und Klangcollagen von Rosado mit in einen Zustand, mit dem sich Des Esseintes bestens auskannte: Genuss an der Schönheit von Kunst fernab des hässlichen Alltags.

 

Garantiert bewusstseinserweiternd

White Darkness ist ein weiteres Pseudonym von Jason Köhnen. Der hat nicht nur mit Doom Metal und düsterem Jazz seine Erfahrungen, sondern sich als Bong-Ra mit verkifftem Breakcore einen Namen gemacht. Wenn man in der Literaturgeschichte nach Drogenaffinität und Hang zum Düsteren suchen würde, man hätte schnell eine unendlich lange Liste zusammen. An ihrer ersten Stelle steht aber bestimmt Charles Baudelaire, Enfant terrible des 19. Jahrhunderts, Haschisch-Connaisseur und nicht zuletzt als genialer Poet Wegbereiter der klassischen Moderne. Sein einziger Gedichtband Les Fleurs du Mal ist eine der bekanntesten und erfolgreichsten Lyrikpublikationen der Geschichte. Gemein mit den angeblich so satanischen Versen des Pariser Provokateurs hat Köhnens Soloprojekt White Darkness zu erst die dunkelromantische Stimmung: Doom, wie er leibt und, naja, so dahinkreucht. Unheimlich, morbid und garantiert bewusstseinserweiternd.

 

Aber wie Baudelaire die Erfahrungen des Zeitalters der technologischen Neuerungen und der rapide wachsenden Großstädte in seine Texte einfließen ließ, so zeigt sich auch ToKAGE als ein Album, das nicht nur altbackene Düsteratmosphäre kultiviert, sondern sich mit viel modernen Spielereien urban und zeitgenössisch zeigt. Köhnen ist schließlich ein versierter Musiker mit vielseitigen Interessen, da kommen schon einmal Metalgitarren zu Wort, da bewegt er sich seicht in elektronische Gefilde – ToKAGE verliert nicht an Atmosphäre und übertreibt es an mancher Stelle vielleicht sogar damit, ist aber musikalisch ebenso abwechslungsreich und detailversessen konstruiert wie die Blumen des Bösen. Die sind ähnlich schwer zu verdauen und wachsen trotzdem mit jedem Durchgang immer mehr an.

 

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