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Freitag, 25. Mai 2012 | 09:17

Chris Watson: El Tren Fantasma/Kammerflimmer Kollektief: Teufelskamin/Hive Mind: Elemental Disgrace /Jannik Giger: Opus Fatalis

27.10.2011

Riding the Ghost Train

Nehmen wir zuerst El Tren Fantasma und lassen uns von Chris Watson quer durch Mexiko fahren. Mit Kammerflimmer Kollektiefs psychedelischem Neuntwerk geht es dann den Teufelskamin herunter, direkt ins Zentrum des Planeten, dessen Soundtrack Hive Mind mit Elemental Disgrace aufgezeichnet haben. Endstation Musikhochschule: Jannik Gigers Opus Fatalis. KRISTOFFER CORNILS bereist die Welt der experimentellen Musik. 

 

Wenn man unfair sein möchte, könnte man Chris Watson vorwerfen, mit El Tren Fantasma eigentlich kein wirkliches Album abgeliefert zu haben. Warum? Nun, der Mitbegründer von Cabaret Voltaire und The Hafler Trio ist auf Bildern wohl kaum mit Gitarre oder am Schlagzeug zu sehen. Sein Instrument ist ein anderes: Watson nimmt auf, er wirkt fast mit dem Mikrofon verwachsen, der Rekorder ist schon Teil der Hüfte geworden. Wer Feldaufnahmen macht, der hat es vor allem mit dem Zufall zu tun, denn welche Vögel und Witterungsgegebenheiten man auch immer sucht: Ob man sie findet ist eine andere Frage. Auf El Tren Fantasma hat er sie gefunden. Dass das keine Musik im konventionellen Sinne ist, das ist klar. Dass es sich dabei trotzdem um einen spannenden Trip durch das Wetter, die Flora und die Fauna Mexikos handelt, das steht schon nach wenigen Minuten fest. »Last call for the Ghost Train!« ruft eine Frau im ersten Stück und los geht es.

 

Die Aufnahmen, die Watson für eine Sendung der BBC über den geisterhaften Zug gemacht haben, strotzen vor Exotik, tropischer Schwüle und geheimnisvoller Klänge. Mexikanische Radiosender sind zu hören, Vögel, Gesprächsfetzen und immer wieder der fast schon verstörende Krach, den der Zug von sich gibt und den Watson im Nachhinein soundtechnisch noch bearbeitet hat: El Divisadero endet in einem hypnotischen Ambient-Techno-Moment. Die Aufnahmen entwickeln eine unheimliche Eigenwirkung, und irgendwann stößt zu dem Gefühl, in den brütenden Hitze Mexikos zu schwitzen auch noch der Gedanke, dass man hier gerade den Grenzbereich zwischen lärmigen Feldaufnahmen und Musik dokumentiert bekommt. Also doch: Mehr als nur die Tonspur eines öden Berichts über eine alte Eisenbahnlinie.

 

Kammerflimmer Kollektief sind alte Hasen im Bereich progressiver Musik. Mit Teufelskamin legen sie nun ihr neuntes Studioalbum vor und definieren ihren Sound somit zum neunten Mal neu. Die Trademark-Atmosphäre des Karlsruher Trios ist geblieben: Etwas verrucht und düster klingen sie immer noch. Und das, obwohl sie ihren elektronisch angereichten Jazz-Sound diesmal mit jeder Menge psychedelischen Surf und Blues aufpeppen.  Das flüsternde Crooning von Heike Aumüller wird von Gitarrenparts ergänzt, die ein ziemliches Western-Gefühl verbreiten. Relativ streng am Jazz orientiert bleiben die Drums, das zeigen besonders die beiden Jam Sessions, die sich gut in das gesamte Album einpassen und den ursprünglichen Free Jazz-Charakter der Band wieder ans Tageslicht fördern. Ansonsten gibt sich die Band um Gründer Thomas Weber ziemlich legere an der Schnittstelle von Pop, Jazz, loungigen Ambient-Klängen und krautrockigem Post-Rock operierend und legt mit Teufelskamin ein weiteres beachtliches Album vor, das zwar weniger atmosphärisch dicht daherkommt als ihr Meisterwerk Cicadidae aus dem Jahr 2003, aber trotzdem in keiner gut sortierten Sammlung fehlen sollte, zumal nicht im Herbst.

 

So ein Teufelskamin führt ja bekanntlich tief nach unten, aber Hive Mind bohren sich erst richtig nah an den Erdkern – die zwei gut eine Viertelstunde langen Tracks auf Elemental Disgrace hören sich nach nicht weniger an als nach tektonischen Platten, die sich aneinander reiben. Drones und Synthieflirren, ein merkwürdiges Brodeln, mysteriöse Störgeräusche fräsen sich langsam unaufhörlich in die Gehörgänge. Melodien? Fehlanzeige. Rhythmen? Nicht wirklich. Trotzdem: Ein Album, dem man anmerkt, dass Greh Holger einige Jahre an ihm gearbeitet hat. Selbst, wenn Elemental Disgrace eine sicherlich sehr spezielle Platte ist, der herzrhythmusstörende Noise kommt nicht wahllos daher. Holger ist ein brillanter Arrangeur von Sounds, die ihre Wirkung nicht verfehlen. Da lässt man sich gerne mitnehmen.

 

Aus dem Untergrund in die Hochschule: Der junge Komponist Jannik Giger bewegt sich in ganz anderen Sphären als seine Vorgänger, sein Wirkungsort ist momentan noch die Akademie. Nach einem Studium in Bern ist Giger mittlerweile am Konservatorium in Luzern angelangt und veröffentlicht mit Opus Fatalis sein Erstlingswerk. Das klingt tatsächlich wie frisch aus dem Hörsaal: Für Kenntnis der klassischen Musikgeschichte gibt es schon einmal Bestnote, wie aus dem Stehgreif zitieren die zehn Kompositionen die Größen der Historie an. Ja, Giger inszeniert sich eigentlich als eklektischer Künstler. Was er letztlich in der Praxis damit anstellt, hört sich eher konfus und ein wenig überladen an.

Die Stücke sind Fragmente – um das Offensichtliche mal auszusprechen, jeder Song ist mit »Fragmentum« betitelt und durchnummeriert – und spielen deswegen auf Strukturen eher an, als dass sie sie wirklich integrieren. Das ist nicht wirklich schlimm, aber irgendwie greifen die klassische Instrumentierung und die digitalen Versatzstücke, die Giger benutzt, nicht immer gelungen in einander. Tödlich, wie der Titel behauptet, ist das Erstlingswerk des jungen Mannes nicht unbedingt – für den einen oder anderen experimentellen Kurzfilm könnte Giger den perfekten Soundtrack bestreiten, etwas unheimlich, morbid und hier und da mit wirklich ausdrucksstarken Passagen versehen. Aber etwas mehr Leben könnte Opus Fatalis trotzdem vertragen. Das erreicht man nicht unbedingt dadurch, dass man möglichst viel Fachwissen ineinanderlaufen lässt.

 

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