Wenn sich bei Schostakowitsch immer wieder auch triviale Passagen finden, dann mag sich das den Interventionen der Politik verdanken. Man kann es aber auch, aus heutiger Sicht, als Vorgriff auf die Postmoderne verstehen, als eine Unbekümmertheit gegenüber Nachbarschaften, in denen Avantgarde und Banalität ein neues Ganzes bilden. Was politisch ohne Abstriche verwerflich war – die Einschränkung der schöpferischen Freiheit –, muss nicht automatisch zum Verlust von künstlerischer Qualität führen. Manches spricht dafür, in Schostakowitsch den wichtigsten Symphoniker nach Mahler zu sehen. Was aber darüber hinaus beeindruckt, ist die Breite von Schostakowitschs Schaffen. Es gibt kaum ein Gebiet des musikalischen Universums, auf dem er sich nicht versucht hat. Unter anderem hat er in der Filmmusik neue Wege gewiesen.
Und auch da gilt, dass er bis heute nicht hinreichend wahrgenommen und gewürdigt wurde. Schostakowitsch steht als Filmkomponist zweifellos zumindest auf der gleichen Stufe wie solche Meister des Genres wie Hanns Eisler, Arthur Honegger, Erich Wolfgang Korngold, Sergej Prokofjew, Bernard Herrmann oder Max Steiner.
1929, ganz am Ende der Stummfilmepoche, drehten die sowjetischen Regisseure Grigori Kosinzew und Leonid Trauberg den Film Das Neue Babylon über die Pariser Commune von 1871 (Artikel). Der damals 22jährige Dmitri Schostakowitsch hat dazu die Musik geschrieben, die lange als verschollen galt und jetzt, interpretiert von der Basel Sinfonietta unter Mark Fitz-Gerald, erstmals vollständig, in einer Länge von insgesamt 91 Minuten, auf zwei CDs vorliegt. In einem Artikel, der im Beiheft zur Edition auszugsweise abgedruckt ist, schreibt Schostakowitsch: »Ich konstruierte einen großen Teil der Musik nach dem Kontrastprinzip.« Das erinnert an Eisensteins »Montage der Attraktionen« und bestärkt eine Auffassung, wonach man im Kontrast die ästhetische Entsprechung zum dialektischen Denken entdecken mag.
Schostakowitsch zitiert, zum Teil mit direktem Bezug zur Filmhandlung, Wiener Walzer und Jacques Offenbach, er imitiert Strawinskys Petruschka, die Marseillaise und das Ça ira sowie die Internationale klingen stoffbedingt in zahllosen Varianten und Verfremdungen an. Schwerlich findet man in der Musik des 20. Jahrhunderts einen Komponisten, der raffinierter mit Klangwirkungen umgehen konnte als Schostakowitsch – so auch in der Musik zum Neuen Babylon. Seit Richard Wagner hat kaum einer die Bläser so prominent eingesetzt wie der Russe. Sie dienen ihm, neben den Schlaginstrumenten, immer wieder zu dynamischen Exzessen. Die sind umso erstaunlicher, als die Komposition zum Neuen Babylon für eine kleine Besetzung von 14 Musikern geschrieben ist – mehr passten nicht in die kleinen Kinos, in denen der Film seinerzeit aufgeführt wurde –, und auch die aktuelle Aufnahme kommt mit Solostreichern und -holzbläsern aus. Die Trompete wurde doppelt besetzt, weil ihr Part, nach den Worten des Dirigenten, für einen einzigen Musiker praktisch unspielbar ist.