Die Meisterschaft der Rollenlieder
Natürlich gab es dafür Vorläufer, nicht nur im benachbarten Frankreich, auch hierzulande. Frank Wedekind und der junge Brecht sangen zur Gitarre, im literarischen Kabarett war das politische Lied der Weimarer Republik wohl gelitten. Aber diese Tradition war, wie so vieles, in den Jahren der Naziherrschaft unterbrochen, zerstört und vertrieben worden. In der DDR war es vor allen anderen Ernst Busch, der daran erinnert hat – allerdings nicht als Liedermacher, sondern als Interpret fremder Schöpfungen. Aber ihn hat man im Westdeutschland des Kalten Krieges kaum gekannt, nicht kennen dürfen, wenn man nicht auf eine Schwarze Liste kommen wollte.
Auch Degenhardt war am Anfang vom französischen Chanson beeinflusst, nicht von Ernst Busch. Rumpelstilzchen, das der ersten LP den geänderten Titel gab und auch auf der jetzt herausgebrachten Kompilation am Anfang steht, vermittelt davon einen guten Eindruck. Schon die zweite Platte signalisiert mit dem Titelsong die entschiedene Zuwendung zum sozialkritischen Lied. Spiel nicht mit den Schmuddelkindern wurde Degenhardts bekanntester Song, oft zitiert und nachgesungen, fast schon zum Volkslied geworden wie Bob Dylans Blowin' in the Wind. Ebenfalls im Jahr 1965 erschien das Lied Deutscher Sonntag, der ein Leitmotiv Degenhardts gestaltet: die Kritik am spießigen Kleinbürgertum, am Mief der deutschen Provinz. Der Faschismus, der ihm innewohnt und nur auf einen Anlass wartet, um wieder zuzuschlagen, ist das Thema zahlreicher Songs von Degenhardt.
Seine größte Meisterschaft entwickelte Franz Josef Degenhardt in Rollenliedern, in denen er sich in die Denk- und Redeweise von Menschen hineindachte, mit denen er nichts gemeinsam hatte: der Senator, der Notar Bolamus oder Vati, der seine Argumente gegen Rudi Dutschke vorträgt. Ganz in der Tradition von Tucholsky, Mühsam oder Erich Weinert nimmt auch die Kritik an der Sozialdemokratie zu, deren Opportunismus Degenhardt umso mehr ärgerte, als er, aus katholischem Milieu stammend, selbst lange Mitglied der SPD war.
Neben den radikaler werdenden explizit politischen Songs gab es bei Degenhardt stets Lieder, die sich nach einer freundlichen Welt sehnten, ein Idyll beschworen, ein »richtiges Leben im falschen«, das es bekanntlich nicht gibt – so etwa, fast programmatisch, Kommt an den Tisch unter Pflaumenbäumen. Wer immer noch den Unsinn nachplappert, Degenhardt hätte keine Selbstzweifel gekannt, er sei ein sturer Dogmatiker gewesen, der höre sich doch einmal den Tango du Midi von 1983 an. Es ist dies ein, musikalisch wie im Text, wunderschönes Lied über die Gefahr falscher Gewissheiten – und zwar ausdrücklich der eigenen.
Zu Degenhardts Erfindungen gehören auch jene oft sehr kurzen Texte, die er zu einfachen Gitarrenphrasen im Sprechgesang vortrug. Auch dafür enthält das CD-Paket Beispiele. Wie immer bei solchen Anthologien wird mancher Fan sein Lieblingslied vermissen. Insgesamt aber ist die Zusammenstellung vielfältig und repräsentativ. Franz Josef Degenhardt ist tot. Seine Lieder werden weiter leben.