Seien wir doch mal ehrlich: so manches Album aus den 60er und 70er Jahren, das regelmäßig als Bestandteil des Kanons der Popgeschichte aufgeführt wird, ist verzichtbar. Einiges klingt musikalisch angestaubt, wirkt ästhetisch mittelmäßig oder inhaltlich gestrig. Doch es gibt Alben, deren Strahlkraft im Laufe der Zeit sogar zunimmt. Das 1971 als Doppel-LP erschienene Tago Mago gehört dazu, vielleicht mehr als alle anderen Veröffentlichungen dieser einmaligen Band. Das sehen (mittlerweile) auch viele prominente Musiker, von Radioheads Thom York bis zu David Bowie ähnlich.
Dass Anfang der 70er andere Zeiten herrschten als heute, wird schon klar anhand der Geschichte, wie CAN, nach dem krankheitsbedingten Ausfall ihres ersten Sängers zu einem neuen Shouter kamen. Der japanische Kenji ›Damo‹ Suzuki fiel Holger Czukay (Bass) und Jaki Liebezeit (Drums, Percussion) als Straßenmusiker in der Münchner Leopoldstraße auf – und wurde sofort engagiert. Noch am gleichen Abend traten sie gemeinsam auf. Obgleich laut Überlieferung das Publikum eher geschockt war von Damos Schreigesang, blieb er in der Truppe und ist auf dieser Platte zu hören.
Das Besondere an Tago Mago ist, dass die Scheibe auch für Hörer, die diese Zeiten nicht (im entsprechenden) Alter miterlebt haben, bestens funktioniert. Die Musik ist und bleibt völlig eigenständig und eigentlich unbeschreibbar. Psychedelische Klangexperimente treffen hier auf mantra-artiges Getrommel, fernöstliche Spuren auf außerweltlich anmutende Stimmungen. Geigengekreische und Cuzkays Tape-Loops, die die Sample-Techik vorwegnahmen, spielen hier ebenso eine Rolle wie Michael Karolis Gitarrenarbeit und Irmin Schmidts Keyboard. Doch ebenso wenig, wie die Band Beschränkungen durch gängige Songstrukturen akzeptierte, denkt der Hörer hier in Instrumenten. Von zeitgenössischen angloamerikanischen Bands unterscheidet sich diese Platte komplett.