Unheimliches Narrativ
Nachdem sich Black Bananas mit einem letzten »Party on, duuuuudes!« aus dem Fenster gestürzt haben und ITAL sich nach einem hyperaktiven Auftakt als grundsolider Typ entpuppt hat, der jetzt das Plattenregal durchstöbert, sitzt nur noch Philippe Petit in der Ecke und gibt sich seinen Gedanken hin. Vielleicht denkt er bereits darüber nach, wie es mit seiner Extraordinary Tales of a Lemon Girl-Trilogie weitergeht.
Den Auftakt macht Chapter I: Oneiric Rings on Grey Velvet, das die Geschichte erzählt von… Äh, ja? So sicher kann man sich da nicht sein und auch die aufgezählten Vorbilder – italienische Gialli, Homer, Lewis Carroll und James Joyce – lassen keinen Aufschluss darüber zu, worum es Petit nun eigentlich geht. Eventuell einfach nur um die Musik, könnte man wohlwollend einwerfen. Der Autodidakt hat bereits mit der halben experimentellen Musikszene kollaboriert und drückt dem Auftakt seines Dreiteilers zwar mit viel Kraft den Stempel der Kreativität und musikhistorischer Bildung auf, präsentiert jedoch ein sehr spannendes Gesamtergebnis. Oneiric Rings On Grey Velvet ist ein unheimliches Narrativ, das die Nackenhaare aufrecht stehen lässt. Nicht von ungefähr kommen einige cineastische Assoziationen auf, allein das Eröffnungsstück lässt schnell an die Arbeit von Danny Elfman denken. Und noch mehr Referenzen hängen da in einer dichtgestauten tag cloud am Horizont, seien es Komponisten der klassischen Moderne oder Vertreter der neuen Musik.
Inszeniert wird dieses Potpourri diverser Einflüssen mit einer Mischung aus analogen Instrumenten und digitaler Technik – Streicher treffen auf qualvoll jaulende Synthies, Plinkerbeats und eine Pauke verschmelzen zu einem organischen Rhythmus. Petit aber vermeidet es elegant, seine Hörerschaft zu überfordern. Mit Gelassenheit und der notwendigen Ruhe entfaltet er seine Stücke sehr langsam, variiert repetitive Muster sorgfältig – das erinnert an das Konzept der Minimal Music – und lässt manche Themen und Elemente immer neu auftreten, um für Wiedererkennungswert zu sorgen. Das garantiert eine innere Geschlossenheit, die dem Album sehr zugute kommt. Selbst wenn man nichts vom Lemon Girl weiß – ist sie das, die auf dem vierten Stück so gequält aufstöhnt? – man könnte sich aus der durchdachten Kakophonie eine Story zusammenbasteln. Und die Augen sollte man ebenfalls aufbehalten – Petit grübelt ja schon über die Fortsetzung nach.