Zugleich ermöglichen sie einen Vergleich zwischen der italienischen und der deutschen Tradition. Der Mantel wird zusammen mit Arnold Schönbergs Von heute auf morgen aufgeführt. Es folgen Schwester Angelica mit Paul Hindemiths Sancta Susanna und schließlich, nicht ganz unüblich, Gianni Schicchi mit Alexander von Zemlinskys Eine florentinische Tragödie.
Sängerisch war gleich der erste Abend überzeugend, für den Schönberg hätte man sich allerdings eine weniger schrille Regie gewünscht. John Fulljames wollte wohl nicht auf den Dialog vertrauen. So zitiert er ganz unnötig Andy Warhol herbei. Es ist auch unhistorisch gedacht, denn der Typus der »modernen Frau«, gegen den Schönberg polemisierte, ist an die zwanziger Jahre gebunden. Zu Warhols Zeiten sah er anders aus.
Puccinis Schwester Angelica und Hindemiths Sancta Susanna spielen beide im Kloster und kommen ohne männliche Sänger aus. In beiden Einaktern geht es um den Gegensatz zwischen kirchlicher Strenge und lebenszugewandter Sexualität, zwischen Körperfeindlichkeit und Erotik. Während aber Puccini den Konflikt, ganz in der christlichen Tradition, durch ein Wunder, durch einen himmlischen Gnadenakt auflöst, geht Hindemiths Susanna an ihrer Sinnlichkeit zugrunde. Hier wird die Religion als repressiv vermittelt, Freud und nicht die Bibel liefert den Deutungsrahmen. Hindemiths Komposition, eine einzige 25minütige Klimax, hat keinen Staub angesetzt. Der expressionistische Text von August Stramm hingegen wirkt – nicht inhaltlich, aber sprachlich – erstaunlich überholt. Nicht weniger erstaunlich: Puccinis hochdramatische Kurzoper, stets die Grenze zum Kitsch streifend, funktioniert immer noch, was nicht zuletzt der fast heiteren Regie von David Pountney zu danken ist. Sängerisch bewiesen in erster Linie Csilla Boross und Natascha Petrinsky, dass die Lyoner Oper in dem interessanten, 1993 errichteten Gebäude von Jean Nouvel keineswegs provinziell ist.
Der dritte Abend des Lyoner Puccini-Festivals vereint zwei Komödien. Sowohl Gianni Schicchi nach einer Episode aus Dantes Göttlicher Komödie, wie auch Zemlinskys Florentinische Tragödie, die auf einem Einakter von Oscar Wilde beruht, spielen im Florenz des Mittelalters beziehungsweise der frühen Neuzeit. Beide folgen dem Modell des betrogenen Betrügers. Warum ein Regisseur – Georges Lavaudant –, der offenbar mit der »dekadenten« Ironie des homosexuellen Dandys Oscar Wilde nichts anfangen kann und dessen Pointe in ihr Gegenteil verkehrt, just sein Stück von der erotischen Faszination durch die Stärke eines Mörders inszeniert, bleibt ein Rätsel. Die grandiose Musik Zemlinskys freilich, die Bernhard Kontarsky, wie schon an den Vorabenden Schönberg und Hindemith, konturiert dirigierte und bei der sich Hollywood drei Jahre lang bedienen könnte, entschädigt für alles. Und Gianni Schicchi ist in jeder Beziehung ein Opernspaß der besten Sorte, zumal Laurettas berühmte Arie »O mio babbino caro« den einzigen sentimentalen Gegensatz liefert, und der geht unweigerlich zu Herzen.