Kettcar: Zwischen den Runden
09.02.2012
Kettcar reloaded
Irgendwann kommt wohl für jede Band der Moment, an dem nicht mehr nur der Frontmann die Songs schreibt. Und dieser Moment ist für jede Band ein Scheideweg, denn mit einem neuen Songschreiber steht ein Katalog an Fragen im Raum: Wie gut ist das neue Songwriting im Vergleich zum bekannten? Passt es stilistisch und thematisch – oder nicht? VON MARTIN SPIEß
Auch Kettcars neues, heute erscheinendes Album Zwischen den Runden muss sich diese Fragen gefallen lassen. Denn von den zwölf Songs sind nur sieben von Sänger und Gitarrist Marcus Wiebusch, die verbliebenen fünf stammen von Bassist Reimer Bustorff. Der hat zwar auf den ersten drei Kettcar-Alben immer je zwei bis drei Songs vor allem textlich (mit-) geschrieben. Dass er aber fast ein halbes Album schreibt, ist neu.
Auf den ersten Blick irritierend
Und es ist nicht nur neu, es ist auch anders. Denn wenn man auf Du und wie viel von deinen Freunden, Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen und Sylt nicht gehört hat, wer da gerade am Griffel saß, so hört man es auf Zwischen den Runden umso stärker. Und das ist auf den ersten Blick durchaus irritierend.
Die Platte startet allerdings erst mal mit Wiebusch-Songs. Der Opener Rettung ist eine kaum romantischer zu erzählende Geschichte eines Mannes, der seine betrunkene Freundin nach Hause und ins Bett bringt. »Du sagtest: ‚Lass mich zurück, du kannst es schaffen ohne mich’ / Ich sagte: ›Nein, ein Marine lässt niemanden im Stich‹«, singt Wiebusch, nimmt der sonst so martialischen Aussage ihre Gewalt und lässt den Song, diese Ode an die Liebe, in der Zeile enden: »Und im Türrahmen ein letzter Blick auf dich und auf das Bild des Elends / Auf dem Küchentisch dann eine Zeile: ›Guten Morgen, Liebe meines Lebens.‹« Instrumentiert ist der Song anfangs im klassischen Kettcar-Stil: (akustische) Schrammelgitarre, minimalistisches Schlagzeug, ein Hintergrundmelodie-Klavier und die obligatorischen Bläser. Das Klavier aber übernimmt nach der ersten Strophe eine Basslinie und gibt dem Song für einen Moment einen fast clubbigen Sound; am Ende kommen – ebenfalls neu – Streicher hinzu.
Im Club bewegt sich stilistisch im selben, neuerdings streicherunterlegten Fahrwasser, ist aber thematisch um einiges düsterer: »Es wird nichts mehr werden / Du fühlst es, tausend Scherben / Und siehst wie der große Plan zerfällt«. Trotzdem findet auch hier der Kettcar-Effekt statt: Von deprimierenden Dingen erzählen, sie aber nicht deprimiert singen und spielen. Und so endet auch die Düsternis von Im Club, welches die erste Single ist, in tanzbarem Beat und melodiereichen Streichern.
Schwebend – die erste Ballade eines Albums natürlich auf Track drei – ist fast revolutionär, zumindest was die minimalistische Instrumentierung angeht: Der Song besteht erstmal nur aus einem Klavier und bluesartigen Claps, über die Marcus Wiebusch so weich und klar drüber singt, als hätte er, ganz der Songtitel, vor dem Mikrofon geschwebt. »Ich öffne die Augen und dreh mich zu dir / Deine Lächeln, leise, kommt zu mir.« Im Refrain dann kommen schwer sentimentale Streicher hinzu, die kitschig nennen wird, wer nichts von Poesie versteht.
Wie ein Gemälde von Pieter Bruegel
Songs von Reimer Bustorff allerdings wie Kommt ein Mann in die Bar, In deinen Armen und Erkenschwick klingen ganz anders als das, was man musikalisch von Kettcar gewöhnt ist und was sie in den ersten Songs auch wieder – wenngleich streicherverstärkt – vorgestellt haben.
Plötzlich aber ist da ein Song, der von Einfachheit nichts wissen will, dessen Melodie nicht so eingängig ist, nicht so leicht. Und der im ersten Moment – man mag es gar nicht glauben, aber es ist so – stört. Weil dessen vergleichsweise komplexe Akkordfolge – zum Beispiel in Ein Mann kommt in die Bar – einen daran hindert, der Geschichte im Text zu folgen.
Aber nur im ersten Moment: Denn Zwischen den Runden ist wie ein Gemälde von Pieter Bruegel. Es braucht Zeit, bis man alles, was zu sehen ist, auch wirklich gesehen hat. Bis man auch die neuen Seiten an Kettcar zu würdigen weiß. Dass es nicht nur das Altbewährte gibt, sondern auch das Neue. Dass sich am Ende alles wie selbstverständlich ineinanderfügt.
Erinnerungen an Balu
Der von Bustorff geschriebene Closer des Albums Zurück aus Ohlsdorf endet dann – wie um ein Statement zu machen – altbewährt: Der Song handelt vom Besuch einer Trauerfeier und ist ein Epitaph auf einen gestorbenen Bekannten, zu dem der Ich-Erzähler den Kontakt verloren hat. Eine einsame Gitarre zupft sich durch die erste Strophe, dann kommen nacheinander Bass, Drums, Klavier und Streicher hinzu, und das auf so sanfte Weise, dass man sich an Balu erinnert fühlt.
Und ganz gemäß dem Aufbruch in neue Zeiten, die das neue Kettcar-Album markiert, endet der Song mit den Zeilen: »Er sah immer noch gut aus wie er so friedlich da lag / In seinem schwarzen Anzug in dem hellen Sarg / Als würde er gleich zu mir sagen: ›Schmeiß die Blumen weg und raus durch die Tür / Lass uns noch einmal um die Häuser ziehen wie früh’r!‹«
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