Es gibt Momente im Leben, an denen man bei der frühmorgendlichen Zeitungslektüre etwas schwerer an seinem Nutellabrötchen kaut und auch der beste Kaffee nicht mehr wirklich zu munden vermag. Einen dieser durchaus unschönen Momente hat der geneigte Autor dieser Zeilen am Montag dieser Woche erlebt: „Natürlich ist es auch die Musik – der schiere süffige Klang der Rock-Gitarren, das klar konturierte Schlagzeug –, die aus Text und allem anderen ein schlüssiges Ganzes macht. (...) Denn niemals dienen der Klang und seine fortlaufende Struktur quasi als Transportmittel des Textes, fast immer laufen Rhythmus und Melodien gegen den Text oder scheinbar unabhängig davon, und wie zufällig kommen die musikalischen Akzente zu den textinhaltlichen Hauptpunkten.“ Umpf, denkt man da ganz onomatopoetisch, da hat jemand die komplexe Struktur der neuen Thrice-CD ganz gut in Worte gefasst – jene zwischen Melancholie, Spielwitz, Noise und Pop lavierende Meisterleistung der amerikanischen Post-Core-Helden. Doch das, was Helmut Mauró da in der Süddeutschen Zeitung über den grünen Klee lobt, ist eben gerade nicht Thrice, sondern Tokio Hotel, deren Vorgänger-Bemühungen dann auch noch mit dem Verdikt „Geniestreiche“ versehen werden. Schlimmer noch: „Geniestreiche, die in 20 Jahren nichts von ihrer Eindringlichkeit und Wucht verloren haben werden“.
Nun könnte man das guten Gewissens auch über das wunderbar größenwahnsinnige Vier-EP-Projekt von Thrice behaupten. Vier Elemente, vier CDs, vier mal musikalischer Wahnsinn, sehr grob geordnet nach deftigem Metal, esoterischen Radiohead-Songs, wie sie Radiohead heutzutage nicht mehr hinkriegen, spritzigem Post-Core und Blues/Country/Folk (sic!). Diese Scheiben waren tatsächlich fragile Geniestreiche, die jeden aufrechten Hörer zwischen Deftones, Porcupine Tree, Tom Waits und Jeff Buckley begeistert haben dürften. Die Süddeutsche Zeitung hat zu ihnen im Übrigen geflissentlich geschwiegen.
“The world is mad“
Dies wird sie naturgemäß auch über die neueste Schöpfung der vier Mannen aus den USA tun – und das ist sehr schade. Denn sonst könnte sie ihren Lesern erklären, dass Thrice einen monolithischen Block mit guter Musik abgeliefert haben, der Menschen gefallen wird, denen Dredg inzwischen zu überkandidelt, Muse zu pathetisch und Radiohead zu selbstverliebt sind; Menschen, denen Post-Core allgemein zu ziellos vorkommt, sollten ebenfalls mal ein Ohr riskieren. „Beggars“ ist eine große Rock-CD mit lockeren Hits wie „Doublespeak“, und „In Exile“, mit vertrackten Rhythmen, ordentlichen Gitarrenwänden und ganz ganz viel Soul. Da Thrice wohl aber etwas zu unprätentiös für unsere Feuilletons sind, werden Sie, verehrte Leserinnen und Leser, dies nicht in der Süddeutschen Zeitung lesen – aber dafür zumindest bei uns. Und für Herrn Mauró haben wir auch ein kleines Sprüchlein von dieser CD, das uns mit seiner schlichten Message durchaus überzeugt: „Something’s gone terribly wrong with everyone /all the world is mad.“