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17.12.2009

Wir brauchen Mythenzertrümmerer

Musikalische Neuigkeiten auf einen Blick – diese Woche mit Timo Lassy, Konrad Sprenger und Bosque Brown. Von SEBASTIAN KARNATZ

 

Timo Lassy: Round Two (featuring José James)

Retro – das ist der erste Gedanke des Rezensenten. Ehrlich gesagt, müsste es präziser und dafür grammatikalisch unklarer lauten: Geht denn noch mehr retro? Timo Lassy, seines Zeichens gefeierter finnischer Jazz-Saxophonist, fühlt sich ohne Zweifel als Wiedergänger des klassischen Blue-Note-Sounds der frühen 60er-Jahre. Lässige abgehangene Grooves, ein bisschen Bop, ein bisschen Latin, und bitte bloß nichts allzu Modales. Soviel musikalischer Konservatismus kann – bei aller Liebe zum klassischen Jazz ­– auch ermüdend wirken.­ Lassys Ensemble spielt ohne Frage konzentriert und auf den Punkt, José James macht seinem Namen als hoffnungsvollster junger Jazz-Crooner der Neuzeit auf zwei Titeln alle Ehre, und Lassy soliert zweifelsohne brillant. So funktioniert „Round Two“ als CD gewordener – sinnigerweise allerdings auch als Vinyl erhältlicher – Anachronismus ganz gut. Auf das geringste Anzeichen einer ironischen Brechung wird man hier allerdings ebenso vergeblich warten, wie einst Wladimir und Estragon auf Godot. „Round Two“ ist gut gemachte Heldenverehrung – swingend und wohl gelaunt, jederzeit bereit für die geschmackvolle Beschallung eines netten, ruhigen Abends. Ein neuer Mythos wird daraus allerdings nicht werden. Unsere Zeit braucht weniger den jazzmusikalischen Nacherzähler als den großen Mythenzertrümmerer.

Timo Lassy: Round Two featuring José James. Ricky-Tick Records (Vertrieb: Groove Attack).
Timo Lassy bei MySpace




Bosque Brown: Baby

„Es gibt eine zerstörende Kritik und eine produktive. Jene ist sehr leicht, denn man darf sich nur irgendeinen Maßstab, irgendein Musterbild, so borniert sie auch seien, in Gedanken aufstellen, sodann aber kühnlich versichern, vorliegendes Kunstwerk passe nicht dazu, tauge deswegen nichts, die Sache sei abgetan. Die produktive Kritik ist um ein gutes Teil schwerer: sie fragt. Was hat sich der Autor vorgesetzt? Und ist dieser Vorsatz vernünftig und verständig? Und inwiefern ist es gelungen, ihn auszuführen?“ So weit Marcel Reich-Ranicki, im Bewusstsein der Nation sicherlich ein notorischer Verreißer. Sie werden sicherlich schon ahnen, warum der Rezensent die Vorrede dieser Kritik ausgerechnet mit einem Zitat des großen alten Manns der populären deutschen Literaturkritik bestreitet: Weil er sich durchaus der Tatsache bewusst ist, dass jegliche künstlerische Äußerung aus Mühe und Anstrengung heraus geboren wird; weil er durchaus daran glaubt, dass er selbst nicht jedes Genie immer als solches erkennt; weil er sich für einen durchaus mitfühlenden Menschen hält; schlicht: weil er nicht allzu gerne kategorisch verreißt. Doch, es mag ihm verziehen sein, im Falle von Bosque Brown bleibt ihm, weiß Gott, nichts anderes übrig.
Stellen sie sich vor, Björk würde beschließen, jetzt irgendetwas zwischen Country, Neo-Folk und Indie zu machen, sie würde 75 Prozent ihrer Stimme einbüßen und anschließend im Studio mit der Tonhöhenkorrektur alle Gesangsspuren bewusst schief machen. Schreckliche Vorstellung? Dann können sie jetzt wenigstens ein kleines bisschen nachvollziehen, was für eine Tortur es ist, „Baby“ am Stück zu hören. Was die Texaner um die Sängerin Mara Lee Miller auf „Baby“ veranstalten, ist durchaus geschmackvoll und zurückgenommen instrumentiert, wird aber von Miller so gnadenlos in den Boden gesungen, dass es regelrecht physisch – nicht nur psychisch – schmerzt. Irgendjemand in den einschlägigen Independent-Radio-Stationen wird dies sicherlich ganz toll und – vor allem! – total intensiv finden. Doch lassen sie sich nicht täuschen: Das einzige, was an dieser CD intensiv ist, ist der Schmerz des verdutzten Hörers. Ob dies nun ein konstruktiver Verriss war? Ich weiß es nicht. Ein konstruktiver Rat: Machen Sie gerade als Freund von Neo-Folk und Singer-Songwriter-Sounds einen großen Bogen um Bosque Browns „Baby“. Tun Sie sich etwas Gutes und besorgen Sie sich lieber Chris Garneaus schönes neues Album „El Radio“.

Bosque Brown: Baby. Fargo (Vertrieb: Indigo).
Bosque Brown bei MySpace

 

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