Hans-Christian Dellinger: Streaming
Pianisten und Organisten oder auch Gitarristen haben es leicht. Sie können voll in die Tasten respektive in die Saiten greifen. Sie benötigen für die Mehrstimmigkeit keinen Partner. Es ist kein Zufall, dass Violinisten und Cellisten für ihre Zugaben immer wieder auf dieselben Sonaten und Suiten von Johann Sebastian Bach zurückgreifen: Es gibt nicht allzu viel Sololiteratur für diese Instrumente. Das gilt erst recht für Bläser. Von Peter Brötzmann, den wir unseren Lesern vor zwei Wochen ans Herz legten, ist Hans-Christian Dellinger Welten entfernt, obwohl beide das gleiche Instrument spielen. Dellinger betrachtet sich selbst wohl nicht als Jazzmusiker. Seine Stücke sind komponiert. Aber Improvisation ist seit langem kein verbindliches Kriterium des Jazz mehr. Dellingers Einheit von Autorschaft und Interpretation erlaubt es durchaus, ihn im Kontext des Jazz zu hören, und der einzige Playback-Titel „your song within me“ legt rhythmisch und harmonisch diesen Kontext nahe. Suchte man nach einem vergleichbaren Saxophonisten, müsste man am ehesten John Surman nennen. Wie er hat sich Dellinger von der alten Musik, aber auch von der Minimal Music inspirieren lassen. Der Titel seiner CD „Streaming“ trifft die Sache ziemlich genau. Diese Solostücke strömen dahin, wiederholen und variieren Phrasen, tendieren niemals dazu, auszuufern wie der Free Jazz. Dellingers Spiel ist eher strukturbestimmt als expressiv. Dellinger benützt gern das Wort „meditativ“, im Beiheft lautet das Attribut „spirituell“. Nun ja.
Übermut und Kontemplation, Kontrollverlust und Gelassenheit
Wenn sich, insbesondere beim Saxophon, seit den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zwei Tendenzen gegenüberstehen, deren Anfänge man vereinfachend mit den Etiketten Bebop und Cool kennzeichnen kann, so gehört Brötzmann der ersten und Dellinger der zweiten Tendenz an. Seine Ahnen heißen nicht Charlie Parker, John Coltrane oder Ornette Coleman, sondern Jimmy Giuffre, Lee Konitz oder Paul Desmond. Während der Rock, wenn er versucht, „cool“ zu sein, seinen Geist aufgibt und sich rasch dem Kitsch nähert, haben im Jazz die expressive wie die coole Variante gleichberechtigt alle Totsagungen überstanden. Nur Dogmatiker sehen sich genötigt, sich zwischen den beiden zu entscheiden. Schließlich gehören auch Übermut und Kontemplation, Kontrollverlust und Gelassenheit zum menschlichen Leben. Die Musik entspricht dieser Erfahrung. Vielleicht ist das der Grund für die Überlebenskraft des Jazz. Auch wenn er sich, wie bei Dellinger, nicht Jazz nennt.