Was dabei aber selten beachtet wurde: die Proben zu dieser Inszenierung fanden just in den Tagen und Wochen statt, als die Mauer fiel. Sie haben dieses historische Ereignis in sich aufgesogen, selten waren sich Theater und Zeitgeschichte so nahe wie eben damals im Oktober und November 1989. Der Film von Christoph Rüter, der diesen Zusammenhang dokumentiert, kurz nach der Premiere im März 1990 aufgenommene Interviews geschickt mit Probenaufnahmen und anderem Archivmaterial konfrontiert, sagt in seiner Unaufgeregtheit und in seinem Verzicht auf Pathos weitaus mehr über das Ende der DDR aus als all die Fernsehdokumentationen zum 20. Jahrestag des Mauerfalls. Ausgerechnet die Theaterleute und natürlich Heiner Müller selbst urteilen nüchterner und differenzierter als die angeblichen Experten, die wenig informierte Fernsehjournalisten so gerne mögen. Der Film wurde bereits 1991 gedreht und zeigt nicht nur Personen der Politik, die – im Gegensatz zu den Künstlern – längst vergessen sind, sondern auch Ideen und Hoffnungen, die inzwischen obsolet geworden sind, nicht etwa, weil sie schlechter wären als die Geschichte, die sich durchgesetzt hat, sondern weil diese ihre eigene Dynamik entwickelt hat. Wer ist der Geist von Hamlets Vater, fragt Heiner Müller. Und er antwortet: einerseits Stalin und andererseits die Deutsche Bank. Zwar zitiert Heiner Müller auch zustimmend das Wort aus Brechts „Fatzer“-Fragment, wonach es in Zukunft keine Sieger, sondern nur Besiegte geben werde. Aber misst man Rüters Film an der Wirklichkeit, muss man zu dem Schluss kommen: die Deutsche Bank hat gesiegt. Sie ist der wahre Fortinbras.
An einer Stelle besticht die DVD mit einer Möglichkeit, die viel zu selten genutzt wird. Sie stellt auf einer „Split Screen“ eine Szene bei der Generalprobe der gleichen Szene bei den Proben drei Wochen zuvor gegenüber. Da wird ersichtlich, wie sich eine Inszenierung im Lauf der Proben ändert, was Details bewirken, was Theaterarbeit bedeutet.