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Freitag, 25. Mai 2012 | 09:53

Tocotronic: Schall und Wahn

28.01.2010

Bitte oszillieren Sie!

Nach "Pure Vernunft darf niemals siegen" (2005) und "Kapitulation" (2007) legen die Hamburger mit „Schall und Wahn“ laut Ankündigung der Plattenfirma den dritten Teil einer sogenannten Berlin-Trilogie vor. Von TOM ASAM

 

Die wahre Berlin -Trilogie hat natürlich David Bowie Ende der Siebziger schon abgeliefert. Aber Tocotronic geht es nicht darum, Berlin als einmalige Stadt abzufeiern. Das für ihre letzten Alben prägendste an Berlin ist das Mischpult von Produzent Moses Schneider. Tocotronic gehören weder Hamburg noch Berlin, aber sie wollen -und sollen- gehört werden! Neben Schneider muss auch der zweite Gitarrist Rick McPhail genannt werden, sucht man Antworten auf die berechtigte Frage, warum zum Teufel diese Band immer noch besser wird. Im Zentrum bleibt jedoch nach wie vor Sänger und Gitarrist Dirk von Lowztow, dessen Stimme zusammen mit der Art und Weise, in der hier Worte zueinander finden, einen wichtigen, eigenen Soundaspekt ergibt.

 

Slogans wie „Macht es nicht selbst“ machen den Hörer zunächst neugierig auf Inhalt und Aussage eines Songs. In diesem Fall kann man das als einen nicht allzu ernst gemeinten Protestsong gegen den Do-It-Yourself-Trend deuten, der ja heute alle Lebensbereiche anfällt und nicht auf den Hobbykeller allein zu beziehen ist (wenngleich im dazu produzierten Video randalierende, an einen gewissen Baumarkt erinnernde Monsterbiber einen Auftritt haben). Meist bleibt der Freiraum für inhaltliche Deutungen sehr groß. Hier werden nicht einfach Geschichten erzählt. Ebenso wichtig wie der Inhalt ist zudem der Klang der oft seltsam theatralisch anmutenden Texte, die doch eher Dichtern vergangener Tage, als typischen Rocksängern aus der Feder geflossen zu sein scheinen.

 

Sollen wir nicht doch selbst eine Band gründen?

Zwischen Ästhetik und Inhalt, zwischen Pathos und Slogan, düsterer Erhabenheit und selbstironischer Beobachtung oszillierend fordert uns Dirk von Lowztow auf, dies doch auch einmal zu tun: "Bitte legen Sie nichts fest / Das Regime ist so bescheiden / Sie müssen nichts entscheiden / Bitte oszillieren Sie". Das tun wir: zwischen Ungläubigkeit und Dankbarkeit, zwischen Luftgitarre und „hätte ich bloß doch Germanistik auf Magister studiert“- Gedanken in Rotweinaspik. Diese Musik ist berauschend. Sollen wir nicht doch selbst eine Band gründen?

 

„Im Zweifel für den Zweifel“ rät uns Dirk, diesmal nur von seiner Gitarre und Streichern begleitet. "Im Zweifel für den Zweifel / und die Unfassbarkeit / Für die innere Zerknirschung / Wenn man die Zähne zeigt". Zweifelsohne sollten wir uns darüber freuen, dass eine deutsche Band schafft, die Cover mehrer großer Musikmagazine gleichzeitig zu zieren, deren Kritikercharts anzuführen und uns mit ihrer Musik und ihrem Umgang mit der deutschen Sprache immer wieder aufs neue anzusprechen!

 

Lohnt besonders als Vinyl-Ausgabe

Schall & Wahn finde ich sehr aufgefächert und vielfältig“, kommentiert der Sänger das Werk in einem Interview. “Wir konnten uns im Studio sehr mit Sound beschäftigen, weil wir mehr als sonst schon im Proberaum arrangiert haben. So ist ein Klang entstanden, den ich besonders finde und der sehr groß klingt, insbesondere bei großer Lautstärke entfaltet der so eine, wie ich finde, große Schönheit.“

 

Passenderweise, nachdem Tocotronic vor längerer Zeit in einem Newsletter ankündigten, die neuen Stücke würden einen „klingenden Strauß vergifteter Blumen“ darstellen – wird die Schönheit mit einem Blumenstrauß-Motiv auf dem Cover unterstrichen. Lohnt besonders als Vinyl-Ausgabe. Dann kommt zusammen, was zusammen gehört: Schall und Platte, Wahn und Sinn!

 

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