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Freitag, 25. Mai 2012 | 09:57

Ulrich Schnauss: Missing Deadlines - Selected Remixes

01.04.2010

Kieler mischt Madrid und Glasgow auf

Ebenso wie seine eigenen Stücke wirken auch Schnauss' Remixarbeiten angenehm zeitlos. Aber braucht man Remix-CDs überhaupt?, fragt sich TOM ASAM.

 

Mit Remix-Veröffentlichungen ist das so eine Sache. Bevor man die wahren Perlen bzw. persönlichen Favoriten aus der heutzutage für jedermann völlig überfordernden Anzahl an Veröffentlichungen herausgepickt hat, gibt es von einigen Songs bzw. Tracks schon eine ganze Latte von Remixes. Ein Teil davon mag sinnvoll sein, um einem Stück vom Wohnzimmer auf die Tanzfläche zu verhelfen. Der Mehrwert von kompletten Remix- oder Mix-CD-Veröffentlichungen scheint mir jedoch in vielen Fällen eher fraglich. Das ist in etwa zu vergleichen mit der obligatorischen Livescheibe, die jede Rockband an einem bestimmten Punkt der Karriere veröffentlicht(e). Hat man sich auch gerne gekauft – aber in den wenigsten Fällen öfter als einmal gehört oder den Studioversionen vorgezogen. Was könnte den Käufer nun dazu bewegen, sich anzuhören, welche deadlines Herr Schnauss denn in den letzten Jahren verpasst hat? Zunächst einmal stehen da drei Alben im Raum, die der gebürtige Kieler bisher unter seinem Namen veröffentlicht hat. Diese Electronica-Highlights sorgten zurecht für viel Euphorie.

 

Willkommene Realitätsflucht

Vor allem durch den Einsatz von Synthiesounds schafft er es, herzerwärmende Melodien zu kreieren und dabei auch komplexere Soundstrukturen eingängig erscheinen zu lassen. Dabei ist seine Art sphärische elektronische Sounds zu erzeugen deutlich geprägt von der Ästhetik von - momemtan allerorts wiederentdeckten – Dreampop/ Shoegaze-Bands der ersten Stunde. Ähnlich wie Trentemoller schafft es Schnauss, diese Ästhetik in einen anderen Kontext zu übertragen und dabei eine eigene Signatur zu erschaffen. Für „Selected Remixes“ hat er sich glaubhaft die musikalisch interessanten Arbeiten ausgesucht und Namedropping nicht in den Vordergrund gestellt. Bearbeitete Songversionen neuerer Acts wie Howling Bells, Madrid oder A sunny day in Glasgow treffen auf Namen, die man (aus anderen Zusammenhängen) kennt: Die ehemalige Rainbirds-Sängerin Katharina Franck, Roedelius mit seinem aktuellen Projekt Lunz, ehemalige Shoegaze-Größen wie Rachel Goswell (Slowdive) und Mark Gardener (Ride) sowie die Slowdive-Nachfolgeband Mojave 3.

 

Statt Rotwein

Die Ansammlung der 13 vertretenen Songs wäre in den Originalversionen durchaus hörenswert – und erfährt in diesem Falle tatsächlich einen gewissen Mehrwert durch die Remix-Versionen. Ohne die Originale zu „verraten“ schafft Schnauss es nämlich, das Ergebnis wie aus einem Guss wirken zu lassen, ohne in Beliebigkeit abzudriften. Die vielspurigen Synthiesounds in Kombination mit ätherischen Vocal-Tracks entführen einen in eine angenehme Traumwelt der leicht melancholischen Glückseligkeit. Ob in der Verschränkung von Dreampop und Elektronik oder in der Karohemden-Vollbart-Variante mehrstimmig trällender Folkbands - Realitätsflucht mit Hilfe von akustischem Wohlklang scheint angesichts sozialer Alltagskälte und allgegenwärtiger Beschleunigungstendenzen höchst willkommen zu sein. Deshalb kann man in diesem Fall statt einer guten Flasche Rotwein getrost auch mal eine Remix-CD erstehen. Wer Schnauss noch nicht kennt, sollte aber vielleicht zunächst einmal dessen bisheriges Werk erkunden – und die ein oder andere der auf „Selected Remixes“ gewürdigten Bands im Original hören.

 

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