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Freitag, 25. Mai 2012 | 09:59

Broken Social Scene: Forgiveness Rock Record

29.04.2010

Rockalbum statt Indienreise

Dass auch ausgerechnet Broken Social Scene ihr neues Album "Forgiveness Rock Record" nennen müssen! Jemand hätte den Damen und Herren sagen sollen, dass sich sowieso schon maßlos übersteigerte Hoffnungen auf Seelenheil und Absolution an das Album knüpfen. Mit DEM Namen aber ... Um das nicht zu verpassen, werden Menschen ihre Indien-Reise absagen! Von BENJAMIN BORGERDING

 

Diese hohe Erwartungshaltung verdankt sich sicher den drei wunderbaren Alben, die BSS der Welt bislang geschenkt haben. Aber sie hängt bestimmt auch damit zusammen, dass die Band so eine Art Gegenentwurf zu gängigen Erfolgsschemata der Musikindustrie darstellt und damit suggeriert, dass es auch anders geht. So scheint etwa das ständig wechselnde Bandpersonal, zeitweise in der Größenordnung eines ausgewachsenen Orchesters, darauf hinzudeuten, dass die Band sich und ihre Musik ungern als Marke oder vermarktbare Ware etablieren möchte. (Vielleicht findet man aber auch kaum anständige Pressefotos von der Band, weil nicht alle Mitglieder aufs Foto passen.)

 

Zur Anti-Haltung passte auch, dass das erste Album der Band ganz ohne Leadgesang daher kam. Und als auf dem zweiten Album "You Forgot It In People" schließlich Gesang Einzug hielt, erklärte er - konsequent quer zum Mainstream - "You're Still My Fag".  Die Bilder, die Posen, die Stimme, alles, was andere zu Ikonen werden lässt: Diese Band sparte es aus. Ironischerweise hat die Band ihren Kultstatus vielleicht genau durch diese Verweigerung befeuert. Oder waren doch Hymnen wie das überirdisch schöne „Lover's Spit“ dafür verantwortlich?

 

Musik aus dem Geiste des Kollektivismus

"Lover's Spit" von "You Forgot In People" ist ein Song, der sich gut auf "Forgiveness Rock Record" gemacht hätte. Denn auf keinem anderen Album ist Broken Social Scene bisher so selbstbewusst als Band aufgetreten wie auf diesem. Auf fast jedem der 14 Songs wird ausgiebig gesungen, die Songs bewegen sich mehr denn je in klassischen Songstrukturen und der Hymnen-Quotient ist noch gestiegen. Was nicht heißen soll, dass Broken Social Scene nicht auch auf diesem Album Experimentierfreude beweisen würden, doch sie bleibt stets im Rahmen des Bekannten, artet niemals ins Sperrig-Ungehörte aus.

 

Musikalisch kann ich auf dem Album daher auch keine wirklichen Überraschungen entdecken: Gewohnt breitschultriger Wall-of-Sound, dann wieder verspielte Echoriffs in Gitarren und Synthies; reichhaltige, breite, einfallsreiche Arrangements; hier und da nettes elektronisches Dekor. Auch "Forgiveness Rock Record" ist mit Hilfe einer illustren Schar an Gästen eingespielt worden – Leslie Feist und Emily Haines geben sich die Ehre, ebenso wie Mitglieder von Tortoise, den Weakerthans und Sea and the Cake. All diese Zutaten schmelzen zum typischen BSS-Sound zusammen, typischer denn je vielleicht.

 

Weltkrank

"Es geht auch anders!" Auf dieses Versprechen zahlt Broken Social Scene nicht nur als Kollektiv ein. Auch in der Musik, die in meinen Ohren stets diese ganz eigene helle, sommerliche Atmosphäre verströmt, klingt eine Ahnung vom besseren Leben an. Das eskapistische Moment dieser Musik führt den Hörer zum Strand und nicht auf die Straße. Diese Musik ist – so blöd sich das anhört – Musik zum Träumen und nicht zum Protestieren. Hippiesk, könnte man sie auch nennen, nur noch einmal pessimistisch-melancholisch gebrochen. An eine echte Veränderung da draußen glaubt sie nicht und macht sich über die Vergeblichkeit der Träumerei auch keine Illusionen.

 

Programmatisch handelt etwa die erste Single „World Sick“ von dem Verdruss, der sich fast automatisch einstellt, sobald man sich mit der kalten, dunklen Welt auseinandersetzt: „That's why I'm leaving this spoken detention/ I'm a romance addict so that I can confess that/ I get world sick every time I take a stand.“ „Romance addict“ heißt es hier sinnig, ein anderer Song heißt sogar „Romance To The Grave“. Das ist tatsächlich das Heilsversprechen, das "Forgiveness Rock Record" vielleicht besser als jedes anderes Album von Broken Social Scene auch erfüllt: Es ist Musik für Romantiker, die das Heil im Innern suchen. Indien kann warten.

Unser Lieblingssufi live!!

06.06. Aachen, Musikbunker
07.06. Hannover, Musiktheater Bad
19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich
20.06. Berlin, Gretchen
21.06. Leipzig, UT Connewitz
22.06. ...

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