B. Dolan: Fallen House, Sunken City
20.05.2010
Body of Work
JENS ESSMANN über den Rapper/Slam-Poeten B. Dolan und dessen neues Album "Fallen House, Sunken City". Ein erdrückendes Sozialportrait der USA, ein überzeugendes Rap-Album, ein paar Gründe, genauer hinzuhören.
Irgendwann vor ein paar Jahren, man weiß kaum mehr, wann, musste Nas mal wieder ein Album veröffentlichen, und mit dem ihm eigenen Understatement nannte er das Ganze dann „HipHop Is Dead“. Marketingtechnisch also das Ganze ein Riesencoup, sprich: Provokation, von dem in der Folge unzählige Journalisten und Rapper mit mal mehr, mal weniger geschickten Anspielungen zehrten. Wenn es in der Presse-Info zu B. Dolans neuem Album nun heißt, „HipHop is undead", springen einem daher nicht unbedingt vor Freude die Plomben aus den Zähnen. Nun ist B. Dolans Album aber nicht irgendeines, die Anspielung keine allzu schwachbrüstige.
Von einem der auszog ...
Bernard Dolan war `99 aus Rhode Island nach New York gezogen, um dort zu schreiben. Ein weiterer weißer Vorstadtjunge, der rappt und im Nuyorican Poets Café seine Texte liest. Mit den Poetry Slams kommen dann erste Erfolge, mit den Erfolgen die Ernüchterung, zur Ernüchterung kommt 9/11, die Paranoia der Großstadt. Dolan zieht sich zurück aus der Szene und aus dem Blick der neu aufgestellten Überwachungskameras. Die nächsten Jahre über widmet er sich seinem Textbuch und, zusammen mit Sage Francis, der Seite Knowmore.org, über deren Suchmaschine man die Produktionsbedingungen gekaufter Produkte checken kann.
... aus Fehlern zu lernen
Bald erscheint ein erstes Album, „The Failure“, das größtenteils noch aus gesprochenen Texten besteht. Die großen Themen: Glaube, Tod, Amerika - was man eben gesagt haben will, sollte kein zweites Album mehr kommen. „Fallen House, Sunken City“ ist nun dieses zweite Werk, das erste komplette Rap-Album des mittlerweile wohl gut Dreißigjährigen, und es bündelt noch einmal alle Themen des obsessiven Beobachters, des Aktivisten und des Rappers.
Das eröffnende „Leaving New York“ behandelt seinen Kampf mit der Stadt der Träume, die nach dem Fall der Twin Towers ihre Außenseiter aussortiert. Dolan wendet sich ab, verweigert den sinnlosen Kampf, übernimmt aber die ihm aufgedrängte Perspektive des Underdogs, des Arbeiters und Kämpfers für die nun folgenden Songs, die allesamt in einer postutopischen Welt spielen. „Fifty Ways To Bleed Your Custumer“ ist dann ein zynischer Mitgröhler, der die Stimme der großen Unternehmen beim Wort nimmt, „Economy Of Words (Bail Me Out)“ die Bitte vom Gekauftsein freigekauft zu werden: „Everything I make I give to god and taxes.“
Der verlorene Sohn
In der Mitte des Albums steht dann mit „Marvin“ der zweite fast persönliche Song, und gleichzeitg derjenige, in dem Dolan es schafft, all seine Themen entlang der Biographie des 1984 von seinem Vater im Streit erschossenen Soulsängers Marvin Gaye aufzureihen. Ist die das Album tragende Stimme Dolans ansonsten von ihrer eigenen Kraft und auch – teils charmanten - Gewalt überzeugt, so fährt sie diesen Song im Autopilot, trägt sich selbst, lässt sich überwältigen und erzählt die Geschichte des verlorenen Sohnes voller Einfühlsamkeit für ihre Tragik wie für ihre derbe Ironie. Man hat sich beim Hören eines Rapsongs selten weniger für seine Gänsehaut geschämt.
Die zweite Hälfte des Albums nimmt dann wieder an Tempo auf, inspiziert die eigene Wohnung, die den unsicheren Blick des Betrachters spiegelt („Kitchen Sink“), sinniert über Hip-Hops Stillstand („The Fall Of T.R.O.Y.“) und hat mit „Border Crossing“ noch eine veritable Hymne der Desillusionierten zu bieten, für die eine Marching Band Bläser und Percussion einspielte: „Caught up at the border of the living and the dead / Can’t get to sleep so the dream never ends“. Was hier beschrieben wird, ist ein Leben als Zustand, das Warten auf den nächsten Arbeitstag, wie es durch nahezu alle Songs des Albums geistert und im Finale „Body Of Work“, das eine Prostituierte als Teil ebendieses Systems portraitiert, seinen Höhepunkt findet.
Die verlorene Zeit
Getragen wird das ganze von den überkomprimierten, mächtig stampfenden Beats des Anticon-Mitbegründers Alias. Ausdrücklich wird betont, dass das Album gemeinsam geschrieben wurde, und so ergänzen sich Musik und Texte auch zumeist ideal. Dass Alias' Produktion aber auch auf diesem Album an derselben Müdigkeit krankt, die seine Soloalben durchzieht, kann zum Glück durch Dolans Stimmgewalt aufgefangen werden. Denn auch auf „Fallen House, Sunken City“ gleichen sich die Produktionen zu oft im Klangbild, fehlen auf Dauer die zündenden Ideen, schlicht: die Highlights. Was aber nichts daran ändert, dass all diese Klagen auf den Unterschied zwischen einem sehr guten und einem großartigen Album zielen.
„Fallen House, Sunken City“ zirkelt so um die Stille nach dem Fall der Twin Towers, die illusionslose Ruhe jener Amerikaner, die sich seitdem auf der Verliererseite wähnen, das Schweigen der Mächtigen, ein scheinbar paralysiertes Land. Bernard Dolans Texte, die es schaffen, ihre Assoziationen präzise zu verknüpfen, ohne zu kopflastig zu werden, und noch mehr seine Stimme, die wie die aller engagierten Entertainer die eines Predigers ist, stehen gegen diese Schockstarre, reden zu den Scheintoten, sehen im Totsein die Freiheit, nicht mehr den Regeln der Lebenden gehorchen zu müssen, hoffen auf ein anderes Wachsein, ein Aufwachen: HipHop is undead.
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