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Stumpf ist Trumpf

27.05.2010

Kultureller Zerfall durch Remmidemmi

Musik, die man hören kann, während man bei der WG-Party Möbel aus dem Fenster wirft, ist gefragt. Jugendliche und Leute die sich dafür halten, grölen „Wir tanzen auf den Tischen, die Stimmung ist beschissen!“ und erhalten dadurch ein Gefühl der Alternativität, ja der Résistance, das früher politische Untergrundgruppen zusammengeschweißt hat. Von FELIX ANDERL

 

Zugabe. Endlich gehen die Freien Radikalen, Dendemanns Band, von der Bühne, und das Publikum kriegt was es will: Gute Rapmusik. Das Dendemann-Konzert war zuvor eine Art Rockshow mit lauter Leadgitarre, klassisch punkigen Baselines und einem exzellenten Drummer, der nur Rimshots spielt. Das geht ab. Um Crossover zu hören muss ich also nicht mehr meine Such a Surge-Platte auflegen oder, wenn es gut sein soll, zu Rage against the Machine gehen. Was beim Wegfall des Lärms deutlich wird: Dendemann ist immer noch der Beste. Das macht auch sein neues Album „Vom Vintage verweht“ erträglich. Doch neben gewohnt guten Reimen macht sich eine ungekannte Aggressivität breit, die sich in Texten wie „Es ist tierisch Baby“ manifestiert, aber auch sonst immer mitschwingt, getragen von unmelodiösen, wummernden Beats, die Party stimulieren sollen.

 

Markt für Destruktivität

Hip-Hop war immer Party, er war Competition. Aber selbst platter Rap hatte positive Vibes, Gangsta Rap einen gesellschaftskritischen Bezug und aggressiver Rap eine Geschichte - und damit eine Existenzberechtigung. Die Berechtigung für einen Abreißparty-Dendemann heißt Remmidemmi und ist mittlerweile eine Art Jugendbewegung. Seit Deichkind ihren Fast-schon-Evergreen "Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah)" veröffentlicht haben, sind andere auf den Zug aufgesprungen - sei es, wie der Autor es bei Dendemann vermutet, aus Experimentierfreudigkeit oder aus Geldnot und purer Verzweiflung. Andere Gründe kann es nicht geben für das, was Das Bo zur Zeit vor ausverkauften Hallen als Aufwärmer der Jan Delay-Tour abziehen darf: „Ich bin da und mein Mic ist an/ ich hab höchstwahrscheinlich Nikes an/ Pump den Laden voll mit Bass/ Bass Bass ganz genau“. Gut, dass Das Bo das Gefühl des Zuhörers gleich in das Lied „Nur der Zorn zählt“ gepackt hat: „Z.O.R.N., Zorn in mir, ich weiß, dass ich ihn nie verlier'!“ Dazu dröhnen technoartige Beats, die hauptsächlich von Bass und schöpferischer Unfähigkeit getränkt sind. Musikalisch ist das eine Katastrophe, soziologisch sehr interessant.

 

Alles ist Party, alles blinkt

Musik, die man hören kann, während man bei der WG-Party Möbel aus dem Fenster wirft, ist gefragt. Jugendliche und Leute die sich dafür halten, grölen „Wir tanzen auf den Tischen, die Stimmung ist beschissen!“ und erhalten dadurch ein Gefühl der Alternativität, ja der Résistance, das früher politische Untergrundgruppen zusammengeschweißt hat. Im Gegensatz zu denen wollen Deichkind und Konsorten aber keine gesellschaftliche Veränderung erzeugen. Sie reiten auf einer Bewegung der Destruktivität. Diese allerdings wird getragen von gut bürgerlichen Kleinstadtkids, die auf der ersten Berlinreise das Gefühl haben unantastbar zu sein und sich deshalb in einer Fuck-Off-Mentalität stilisieren. Krawall und Remmidemmi ist der Auswuchs einer unbedarften, übersättigten Konsumgeneration voll von Yuppies, deren erstes Buch Axolotl Roadkill war.

 

Angewidert wendet man sich ab von Schule und Politik und flüchtet in die Welt des Rausches. Das hat Folgen für unsere Gesellschaft. Aber, um eine Nummer kleiner anzusetzen, auch für die Kultur des Hip-Hop. Wo man einen tiefen Graben zwischen chauvinistischen Pornorappern aus Berlin-Süd und einst intelligent reimenden Jungs aus Hamburg oder Stuttgart vermuten würde, verwischt sich die Anspruchsgrenze bis auf die Synthesizereinstellung. Alles ist Party, alles blinkt.

 

Wenn es bei den Eltern auch bergab geht - wir gehen steil!

Das witzige für Dendemann, bleiben wir bei ihm, muss es sein, seine Intelligenz zu unterdrücken und zu sehen, wie das Publikum trotzdem abgeht. Ähnlich beschreiben es ja auch die Leute von Deichkind: Es sei ihnen peinlich, ließen sie verlautbaren. Doch diese Verstellung hat nichts mit Arbeiterromantik zu tun, sondern mit Marktkalkül. Eine orientierungslose Jugend sucht nämlich aller Vorhersehungen entgegen keine Führung, sondern Orientierungslosigkeit: „Abkacken“, am nächsten Morgen nicht mehr wissen was los war. Wenn es bei den Eltern auch bergab geht – wir gehen steil!

 

Man kann diese Haltung als Form der Konfrontation sehen, wie es ihn in jeder Generation gibt. Und natürlich ist dieser spätemanzipatorische Hype nicht Grund, sondern Abbild einer politischen Krise. Doch bringen wird er nichts: Keinen Umsturz, keine Veränderung. Nur dicke Manager, die sich im Jahre 2030 ihre Facebookbilder von damals anschauen und sich daran erinnern, wie alternativ (und Hip-Hop!) sie doch waren. Man möchte ihnen zurufen: Wart ihr nicht!

 

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