Die konservative Progressive-Rock-Seele
Steve Hackett könnte also mit seinem neuen Werk „Out Of The Tunnel’s Mouth” in eben jene Lücke vorstoßen, die Gabriels Klassikflirt unausgefüllt gelassen hat. Hackett, wie Gabriel Ex-Mitglied von Genesis, veröffentlicht seit Jahren beständig neue Alben, deren Niveau nur selten schwankt. Solide, gut gemachte Kost, die vor Experimenten nicht zurückscheut und doch dabei niemandem weh tut. Er ist die paradigmatische Verkörperung der inzwischen paradoxerweise konservativ gewordenen Progressive-Rock-Seele: Sein Forscherdrang beschränkt sich zumeist auf Altbekanntes. Hier ein wenig Jazz, dort ein Sprengsel Flamenco und gerne auch etwas Klassik – doch nicht etwa Steve Reich oder Philipp Glass, wie bei Gabriel, stehen hier Pate, sondern die Soundtrackderivate großer klassischer Musik des 19. Jahrhunderts, Romantik light sozusagen.
Diese Mischung bestimmt auch Hacketts neues Werk, das sehr konzentriert daherkommt. Unnötige Ausflüge in die Welt der Technikbeschau waren ohnehin nie sein Ding, aber auf „Out Of The Tunnel’s Mouth” wirkt Hacketts Prog-Variante noch folgerichtiger, noch songorientierter als zuvor. Das funktioniert bei kleine Pretiosen wie dem Flamenco-Pop-Mix „Nomads“ ganz hervorragend, bei anderen Songs wie dem furchterregenden „Emerald And Ash“ fühlt man sich hingegen an Schlager der übleren Sorte erinnert.
Diese gelegentlichen Ausflüge in die Welt der harmonieseligen Banalitäten mag man Hackett jedoch gerne verzeihen, denn „Out Of The Tunnel’s Mouth” bietet ein solides Prog-Vergnügen aus einem Guss, das auch bei mehreren Durchläufen nicht wirklich langweilig zu werden droht. Die popkulturelle Relevanz von Gabriels Alterswerk erreicht Hacketts neues Album zu keiner Zeit. Die Gemeinde wird ihm dies danken.