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Freitag, 25. Mai 2012 | 10:03

Anaïs Mitchell: Hadestown

17.06.2010

Ausflug in die Antike

Man kann die musikalische Umsetzung dieses klassischen Themas als Folk im weitesten Sinne bezeichnen, wenngleich die Akteure sich hier nicht in ein Genre verbeißen. Dem Thema angemessen bewegen sich die Gesangsbeiträge auf einer breiten Skala der Gefühle. Von TOM ASAM

 

Auf ihrer Homepage beschreibt Anaïs Mitchell „Hadestown“ als eine Folk Oper basierend auf dem Mythos von Orpheus und übertragen in ein post-apokalyptisches Zeitalter amerikanischer Depression. Hier kommen wir also nicht um einen Ausflug in die griechische Antike herum; in Zeiten, da die Liebe und die Macht der Götter noch mehr im Zentrum standen als korrupte Politiker und selbsternannte Finanzexperten. Orpheus war nicht nur der berühmteste Sänger der griechischen Mythologie, der mit Hilfe seiner Stimme und seiner Lyra Feinde besiegen und die Wogen der Meere zu besänftigen vermochte. Die alten Griechen hielten ihn gar für den Erfinder der Musik und des Tanzes. Während heutige Musiker ihre Instrumente online bestellen, bekam er seine Klampfe von Apollon persönlich!

 

Als seine geliebte Eurydike durch einen Schlangenbiss umkommt und die Reise in den Hades antritt, folgt er ihr in die Unterwelt, um sie zurückzuholen. Und es scheint ihm gestattet zu sein, Bedingung: auf dem Rückweg bloß nicht nach Eurydike umsehen! Klappt leider nicht. Ob er sich umdrehte, weil er gar nichts von ihr hörte oder weil sie stolperte? Kam sie nur zögerlich hinterher, da einfach nicht genug Zeit blieb, sie in die Modalitäten des Rückzugs einzuweisen und sie sich über Orpheus mangelnde Zuwendung wunderte? Oder gar weil es ihr bei Hades (der Herrscher der Unterwelt heißt wie sein Reich) besser ging als mit einem armen Künstler? Ob in Zeiten, da die Apokalypse nicht fern scheint, oder auch danach: materieller Wohlstand bleibt ein zentrales Motiv der Menschen – er wird sogar gegen Liebe und Freiheit eingetauscht. Und so singt der Chor als Antwort auf Hades’ Frage, wozu eine Mauer errichtet wird: „We build the wall to keep us free“.

 

Überirdisch in der Unterwelt

Anaïs Mitchell war für „Hadestown“ hauptsächlich mit dem Schreiben der Texte beschäftigt, wobei sie sich um eine bildhafte Sprache bemühte. Für die Arrangements des gesamten Albums ist Michael Chorney verantwortlich. Für die gesangliche Umsetzung des Mythos´ hat sich Anaïs auf ihrem vierten Album die Unterstützung einiger bekannter Folk-Musiker gesichert. Persephone, Gattin des Unterweltbosses Hades, wird gesungen von Ani DiFranco, die mit ihrer Mischung aus persönlichen und politischen Themen ein frühes Vorbild von Mitchell war und diese ihrerseits auf ihr Label Righteous Babe Records holte. Juston Vernon, besser bekannt als Bon Iver, gibt den Orpheus, und Ben Knox Miller von The Low Anthems tritt als Hermes auf.

 

Dementsprechend kann man die musikalische Umsetzung des klassischen Themas am ehesten als Folk im weitesten Sinne bezeichnen, wenngleich die Akteure sich hier nicht stur in ein Genre verbeißen. Dem Thema angemessen bewegen sich die Gesangsbeiträge hier auf einer breiten Skala der Gefühle. Das Ergebnis ist absolut mitreißend und wirkt nicht – wie vielleicht zu befürchten – verkopft oder überkandidelt. Ein weiterer Schritt nach vorne für die talentierte US-Songwriterin, die von Vermont aus schon viele Ecken der Welt bereist hat. Diesmal geht´s in die Vergangenheit und in die Zukunft gleichzeitig. So etwas geht halt nur in der Unterwelt. Fast schon überirdisch, jedenfalls sehr empfehlenswert!

 

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