Auf ihrer Homepage beschreibt Anaïs Mitchell „Hadestown“ als eine Folk Oper basierend auf dem Mythos von Orpheus und übertragen in ein post-apokalyptisches Zeitalter amerikanischer Depression. Hier kommen wir also nicht um einen Ausflug in die griechische Antike herum; in Zeiten, da die Liebe und die Macht der Götter noch mehr im Zentrum standen als korrupte Politiker und selbsternannte Finanzexperten. Orpheus war nicht nur der berühmteste Sänger der griechischen Mythologie, der mit Hilfe seiner Stimme und seiner Lyra Feinde besiegen und die Wogen der Meere zu besänftigen vermochte. Die alten Griechen hielten ihn gar für den Erfinder der Musik und des Tanzes. Während heutige Musiker ihre Instrumente online bestellen, bekam er seine Klampfe von Apollon persönlich!
Als seine geliebte Eurydike durch einen Schlangenbiss umkommt und die Reise in den Hades antritt, folgt er ihr in die Unterwelt, um sie zurückzuholen. Und es scheint ihm gestattet zu sein, Bedingung: auf dem Rückweg bloß nicht nach Eurydike umsehen! Klappt leider nicht. Ob er sich umdrehte, weil er gar nichts von ihr hörte oder weil sie stolperte? Kam sie nur zögerlich hinterher, da einfach nicht genug Zeit blieb, sie in die Modalitäten des Rückzugs einzuweisen und sie sich über Orpheus mangelnde Zuwendung wunderte? Oder gar weil es ihr bei Hades (der Herrscher der Unterwelt heißt wie sein Reich) besser ging als mit einem armen Künstler? Ob in Zeiten, da die Apokalypse nicht fern scheint, oder auch danach: materieller Wohlstand bleibt ein zentrales Motiv der Menschen – er wird sogar gegen Liebe und Freiheit eingetauscht. Und so singt der Chor als Antwort auf Hades’ Frage, wozu eine Mauer errichtet wird: „We build the wall to keep us free“.