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Auf der Suche nach dem perfekten Musiksommer -Teil II
Trotz Startschwierigkeiten ausreichend Zeit, im Klang zu baden, blieb TOM ASAM in Scheer. Und – so viel sei schon hier verraten: Besser kommt´s nicht bei auf Suche nach dem perfekten Musiksommer!
Aufgrund von Dauerregen und einem in Folge vollgelaufenen Keller im elterlichen Haus sowie einem fiebrigen Fotografen hat sich die Anreise zum Klangbadfestival um einen Tag verzögert. Dadurch verpasste Freitags-Highlights: Krautrocklegende Cluster, die einflussreichen Briten von Mekons und die äußerst interessanten neuen Beatmonster These New Puritans, über deren Relevanz und Auftritt noch bis Sonntag diskutiert wurde.
Das dürfte schon deutlich machen, dass es sich beim Klangbadfestival um mehr als ein nettes Open Air handelt, das ein bisschen Abwechslung in die Provinz bringt. Seit 2004 existiert mit dem Klangbad in Scheer bei Sigmaringen - im äußersten Südwesten der Republik - ein Festival, dass lebendiger Bestandteil eines gelebten Traumes zu sein scheint. Hans-Joachim-Irmler, Keyboarder von Faust hat in Scheer nicht nur sein Label für „seltsame Musik“ (Faust, Circle, Dälek, Ole Lukkoje, Kangaroo Moon u.a.) sondern auch ein eigenes Studio auf dem Gelände einer alten Papierfabrik. Zur Krönung veranstaltet er zusammen mit seiner Frau Cornelia Paul und dem "Verein Stiftung Kreative Impulse e.V." auf dem dazugehörigen Gelände das Klangbadfestival.
Künstler-Schilderwald, (c) Tom Asam
Sowohl für das Label Klangbad als auch das Festival gilt das Motto: Keine Stereotypen! So mag man hier zwar vor und auf der Bühne zum Teil Leute sehen, die vom Alter her die Großeltern des durchschnittlichen Besuchers anderer Festivals sein könnten. Von Stillstand, „früher-war-alles-besser-Haltung“ oder dem Verharren in alten Klischees ist hier allerdings nichts zu spüren. Um so deutlicher spürt man, dass hier im Gegensatz zum Großteil (eben nicht) vergleichbarer Veranstaltungen die Musik und ein respektvoller Umgang zwischen Veranstaltern, Musikern und Gästen im Mittelpunkt stehen. Und nicht Finanzkonzepte, Marketingstrategien und tumbe Unterhaltungsware.
Obwohl hier neokrautige Exotica neben experimentellen Electronica sprießen, psychedelischer Rock auf jazzigen Minimalismus trifft: Hier gibt es weder nerdiges Rumgetue noch ein einschränkendes Avantgarde-Gelübde, sondern Raum für das Entdecken toller Musik – inklusive Zugeständnissen an eingängigere Poptöne. Das Ganze – trotz stetig steigender Besucherzahlen – in familiärer und familienfreundlicher Atmosphäre. Inklusive netter Helfer, toller Verpflegung in der Kantine oder an ausgesuchten Ständen und Getränken aus der Region (ohne das groß auf den p.c.-Zettel zu schreiben). Und all das auf einem tollen Gelände innerhalb einer kleinen Donauschleife inmitten des Dorfes - Festivalfreund was willst du mehr?
Regen - na und? (c) Tom Asam
Shakuhachi-Flöte und Klanggewitter
Also: Festival spitze, Freitag verpasst - bleibt zu berichten, welche Höhepunkte die Tage zwei und drei des diesjährigen Klangbadtriathlons mit sich brachten. Eine einmalige Angelegenheit dürfte der Auftritt einer namhaften Truppe um Jaki Liebezeit bleiben, der bei Can – eine der einflussreichsten Deutschen Bands aller Zeiten – nicht einfach nur für den Beat sorgte, sondern die Schlagzeuggeschichte mitgeprägt hat. Er teilte die Bühne mit dem Kopf und der Faust des Festivals, Hans-Joachim Irmler, Robert Lippok von den phantastischen To Rococo Rot und dem englischen Multiinstrumentalisten und Soundtrackkomponisten Clive Bell. Letzterer studierte in Japan die Shakuhachi-Flöte, spielt die Khene, eine große thailändische Bambusmundorgel, das Krummhorn und andere exotische Instrumente.
Das Ergebnis dieser einmaligen Zusammenkunft war ein dem ausklingenden Tag angemessene, leicht meditativ angehauchte, musikalische Darbietung voller Spielfreude. Etwas später am Abend teilte sich Hans-Joachim Irmler mit dem vor allem als Lärmexperten bei den Einstürzenden Neubauten bekannt gewordenen FM Einheit die Bühne. Dieser bearbeitete zwei unterschiedlich große, hängende Eisenfedern. Ergebnis: bizarre Klangwelten zwischen experimentellem Ambient und drone-artigen Noisegewittern fernab üblicher Songstrukturen. Bevor es in den angrenzenden Kantinen der alten Papierfabrik mit clubmäßiger Unterhaltung weiterging, beschloss Jimi Tenor den Abend auf der Hauptbühne. Dieser hatte seine Truppe mit den westafrikanischen Musikern Kabu Kabu, die bereits mit Fela Kuti tätig waren, verstärkt. Der perfekt dargebotene, funky Afrobeat animierte zum Tanzen und konnte überzeugen, auch wenn der ein oder andere von dem für unberechenbare Konzerte bekannten Finnen vielleicht etwas Schrägeres erwartet hätte.
Sofastimmung, (c) Tom Asam
Zorn und Synkopen
Auf große Resonanz stießen am Sonntag Aquaserge aus Südfrankreich mit ihrem Gig im mit Sofas bestückten Zelt. Die bereits als Tourmusiker für Stereolab erprobten Psychedelic-Freaks überzeugten mehr mit vitaler Präsenz und wilden Ausritten in Proggefilde, denn mit großer Filigranarbeit. Die stand dann beim Duo Fifty-Fifty im Vordergrund. Nicht nur wegen des Regens hatte keiner seinen Platz im trockenen Zelt aufgegeben; einige wussten wohl schon, welcher Leckerbissen folgen sollte. Die minimalistischen Sounds, die Manfred Kniel (Schlagzeug) und Ekkehard Rössle (Sopransaxofon) mit Einflüssen aus Jazz , Neuer Musik und Folklore hervorbringen, haben sogar Avantgarde-Tausendsassa John Zorn schon zu Respektbezeugungen hingerissen.
Die hypnotischen, polymetrischen Trommelfiguren Kniels veranlassen die Zuhörer zu höchster Aufmerksamkeit und lehrreichen Kommentaren für musiktheoretisch Minderbegabte („lässt Synkopen, Viertel und Triolen gegeneinander laufen“; Dank an Veronika!). Rössle legt sparsame, aber ungemein expressive Melodien darüber und das Publikum ist begeistert! Etwas Zeit zum Durchschnaufen lassen Klangbad-Wiederholungstäter Nufa. Obwohl man sich bei deren Songs nie sicher sein kann, was passiert. Was da als scheinbar konventionelles Liebeslied beginnt, kann schon mal über einen die Komplexität und Schmerzhaftigkeit so mancher (einseitiger) Liebesbeziehung veranschaulichenden, 15-minütigen Ausflug in Lärmgefilde ausufern.
Ausufernd in jeglicher Hinsicht dann Österreichs frechste, Gustav. Auch im fortgeschrittenen Stadium einer Schwangerschaft verfügt Eva Jantschisch über eine seltene Bühnenpräsenz, was sicher dazu beitragen wird, dass sich ihre Karriere als Chansonsängerin der etwas anderen Art noch in höhere Regionen ausweiten wird. Leider nicht mehr sehen konnte ich A hawk and a hacksaw. Deren Kopf Jeremy Barnes war Mitglied der Band Neutral Milk Hotel. Diese brachten in den neunziger Jahren zwei kommerziell ziemlich übersehene Alben heraus, die jedoch als Blaupausen für unzählige von Indierock-Veröffentlichungen der letzten Jahre dienten; nicht nur Arcade Fire sind große Fans. Der Balkan-infizierte Sound von AHAAH bildete sicher einen schönen Abschluss für ein rundum gelungenes Wochenende. Bis zum nächsten Jahr, Scheer-vus!
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