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Freitag, 25. Mai 2012 | 10:10

Jenseits der Hörgewöhnlichkeit

19.08.2010

Far out

Von Tennessee in die Wolken und bis zum Saturnmond Titan führen uns einige aktuelle Veröffentlichungen, denen gemein ist, dass sie vom Hörer die Bereitschaft einfordern, sich auf Klänge jenseits des gewöhnlichen Popkosmos einzulassen. Von TOM ASAM

 

Anfang 2009 trafen beim Big Ears Festival in Knoxville, Tennessee erstmals diese drei vielbeachteten Experimental-Musiker aufeinander: Der Österreicher Christian Fennesz (Gitarre, Electronics; arbeitete bereits mit Ryuchi Sakamoto, Jim O´Rourke, Mike Patton u.v.m. zusammen), sowie David Daniell (Gitarre) und Tony Buck (Drums), deren Liste prominenter Kooperationspartner ebenso lange ist, enterten die Bühne, ohne jemals zusammen gespielt zu haben. Da sie allesamt erfahren sind in Live-Improvisation, haben die Festivalbesucher gemäß dem Motto der Veranstaltung sicher große Ohren bekommen. Dieses, in einer eher unbedeutenden Unistadt angesiedelte Festival präsentiert aktuelle Popthemen gleichberechtigt neben experimentelleren Ansätzen. So waren hie heuer neben The XX und The National auch der Minimal Komponist Terry Riley zu sehen.

 

Doch zurück zum Vorjahr. Knoxville packt den Hörer mit etwa einer halben Stunde äußerst intensiver, atmosphärischer  Musik. Der Opener „Unüberwindbare Wände“ beginnt mit fernen, metallischen Geräuschen und Cmybals und wächst sich über stets intensiver werdende Gitarrenklänge zu einer dichten, feedbackgetünchten Soundwand aus. Das folgend „Heat from light“ vereint percussive Klänge, Gitarre und elektronische Geräusche zu einem  elektrisierenden Maelstrom von leicht beängstigenden Ausmaßen. Kaum zu glauben, wie die drei Musiker nach nur einem kurzem Soundcheck einen derartigen gemeinsamen Ausdruck finden. Nach einer kleinen Verschnaufpause mit dem sphärischen, Richtung Dream-Pop im Sinne von Robin Guthrie driftenden „Antonia“ steigert sich die Spannung im abschließenden „Diamond Mind“ noch einmal. Nach einem kurzem Durchschnaufen lässt man das ganze noch einmal durchlaufen und hat nach gut einer Stunde intensivem Musikgenuss, den Wunsch dabei gewesen zu sein.

 

Zu einem Aufeinandertreffen von Fennesz und Antony Hegarty kommt es auf der Single „Returnal“, veröffentlicht auf Editions Mego. Der Titelsong des aktuellen Werks vom Bostoner Synthie-Wizards Oneohtrix Point Never wird hier zur wunderschönen Pianoballade, wobei Daniel Lopatin aka Oneohtrix selbst in die Tasten greift. Auf der B-Seite peppt Fennesz das Ganze mit Elektronik und Effekten noch etwas auf. Eigentlich zwei A-Seiten!

 

Unschwer zu erraten: auch Thomas Ankersmit´s Debut „Live in Utrecht“ ist live eingespielt. Der 30-jährige Niederländer spielt Saxophon und elektronische Instrumente. Er erarbeitet Installationen, die sich mit Klang, Infraschall und Änderungen der akustischen Eigenschaften von Räumen befassen. Die Aufnahme besteht aus einem einzigen, knapp 40 minütigen Stück, das bereits vorher aufgenommene (verfremdete) Sax-Parts des sizilianischen Improvistionskünstlers Valerio Tricoli integriert, der auch man der Komposition beteiligt war. Mit Hilfe eines analogen Modular-Synthies und computergenerierten Sounds entsteht eine flirrende, fiepende Soundkulisse. Minuten lang besteht die Aufnahme fast nur aus einem Pfeifen, das eher an ein Störgeräusch erinnert, bevor das ganze wieder etwas Fahrt aufnimmt. Hinterlässt mich eher ratlos - ist im entsprechenden räumlichen Setting live sicher etwas anderes, als auf der heimischen Anlage. Nur für Spezialisten und unerschrockene Klangforscher ohne Haustier zu empfehlen.

 

Philippe Petit´s „Off the titan“ ist danach das Richtige, um wieder etwas an melodische Strukturen Anschluss zu finden. Allzu leichte Kost darf man hier natürlich trotzdem nicht erwarten, und ob diese Rekonstruktion und Weiterbearbeitung von Mahler bei Klassikfans für Begeisterung sorgen wird, bleibt abzuwarten. Mahler komponierte eine Symphonie, die den Namen des größten Mondes des Saturns trägt. Da diese das Leben im neunzehnten Jahrhundert im Kontext der Industrialisierung widerspiegelt, sieht Petit hier - trotz tiefer Verankerung in der Klassik – eine Vorankündigung  zeitgenössischer Musik. Also machte er sich daran, das Werk zu bearbeiten und zeitlich Abläufe zu verändern. Das Ergebnis schickte er Juno Podmore aka Kumo (arbeitet u.a. anderem mit Irmin Schmidt von Can), der elektronische Klänge und Theremin hinzufügte. Schließlich mixte Petit das Ganze. Das Ergebnis ist der Soundtrack zu einem nicht gedrehten Science Fiction Film, bei dem eine durchgeknallte Raunschiffbesatzung rauchbare Pilze auf dem Titan findet – quasi ein „2011, a new Space Odyssey:“ Für romatisch-verspulte Sinnsuchende.

 

Zurück auf der Erde empfängt uns Hildur Gudnadottir mit „Mount A“, ebenfalls mit klassischen Anwandlungen. Die Isländerin, die unter anderem regelmäßig mit den famosen Mum musiziert, hat dies Werk bereits 2006 als „Lost in Hildurness“ veröffentlicht. Mit Cello, Gamba, Zither, Khuur und Gamelan erschafft sie eine düstere-traumhafte Klangwelt, die wohl für einen Blick in die verborgenen und unerforschten Winkel des eigenen Seelengestrüpps stehen. So könnte man „Hildurness“ als Wortschöpfung aus „Hildur“ und „Wilderness“ zumindest deuten. Vielleicht geht es ja um dunklere Zeiten, die Hildur mitlerweile überwunden hat wie einen Berg („Mount A“). Das Lächeln der Künstlerin auf dem Cover der Wiederveröffentlichung dieses in New York und Island aufgenommenen Solowerks, sprechen zumindest dafür, dass alles im Lot ist. Eine intime, ruhige aber beileibe nicht einschläfernde Platte, durch das Remastering von Denis Blackham „fresher and better than ever“ klingend.

 

Vom Mount A geht es abschließend „Up here in the Clouds“ mit Cindytalk. Dahinter steckt Gordon Sharp, der Anfang der Achtziger Jahre eine Peel Session mit den Cocteau Twins aufnahm und in der Folge seine Spuren auf dem stilsicheren und vielseits geliebten 4AD-Label hinterließ – seine Stimme ist neben denen von Lisa Gerrard und Elizabeth Frazier auf dem Debut der Düster-Dreampopper This Mortal Coil zu hören. Cindytalk existierte da bereits und erntete mit dem von Postpunk und Industrial gestreiften „Camouflage Heart“ wohl auf der Insel ordentliche Reaktionen und landete in den Indiecharts. Knapp 30 Jahre und etwa ein Dutzend Alben später veröffentlichen Cindytalk immer noch. Was hier anno 2010 zu hören ist, findet vermutlich schwer Anschluss an eine Szene der Art, die früher 4AD huldigte. Die in einem schrägen Sinne ambientmässigen Klangtexturen sind wohl mit dem weit gefassten Label „Experimentelle Musik“ zu versehen. Moderne Elektronische Musik für die Wolken weit über dem Popplaneten. Vielleicht veranlasst das ungewöhnliche Coverartwork von David Coppenhall ja den ein oder anderen Neugierigen dazu, hier mal eine Klangprobe zu nehmen.


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Der Mann kennt sich aus!
| von Dr. Luther, 19.08.2010

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