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Freitag, 25. Mai 2012 | 10:13

Nils Wogram & Root 70: Listen to your woman

19.08.2010

Jazz ohne Scheuklappen

Zäumen wir das Pferd mal von hinten auf: vom Making of zur Hörerreise. Von MIRJAM STUTZMANN

 

Im kalten Januar im noch kälteren Berlin finden sich die Musiker von

Root 70 zu einer Session im Studio zusammen und was herauskommt lässt sich allein durch folgenden Zahlenbeleg als erfolgreich einstufen: bei sieben von elf Tracks genügt schon ein first take. Aufgenommen wird in den ehemaligen DDR Studios in der Nalepastrasse in Berlin. Das Equipment der Band ist gewollt reduziert auf vintage Röhrenmikrophone ohne digitale Effekte und fügt sich so formschön ins Mobiliar der 50er Jahre Räumlichkeiten des Studios. Gemastert wurde bei Chris von Rautenkranz. (Das von ihm gegründete Soundgarden Studio in Hamburg kennt man von diversen L’age d’or-Bands wie Tocotronic, Die Sterne oder Superpunk, Hamburger Schule eben.)

 

Aber nun zu etwas ganz anderem – zum Blues, wie ihn das Quartett von Root 70 versteht und vor allem dazu, wie es ihn umsetzt. „Listen to your woman“ - ein zugegebenermaßen löblicher wenn auch etwas unerwarteter Titel für ein Jazz-Album. Nils Wogram, seines Zeichens Mastermind der Band Roots 70, widmet dieses titelgebende Lied seiner Frau. Überhaupt, an Lebensweisheiten mangelt es auf dem Album nicht.„Listen to your woman“ ist das zweite Konzeptalbum des Quartetts Root 70 – ein Bluesalbum, wobei die Interpretationen so kreativ sind, dass man den Blues schon mal vergisst.

 

Die vierköpfige Formation um den Ausnahme-Jazzposaunisten Nils Wogram existiert nun seit gut zehn Jahren. Die Band besteht aus Hayden Chisholm (Altsaxophon, Melodica), Matt Penman (Bass) und Jochen Rückert (Schlagzeug). Nils Wogram wird in der europäischen Jazzlandschaft hoch gelobt und abgesehen von der beeindruckenden Beherrschung seines Instruments ist sein Markenzeichen die Verschmelzung von verschiedenen Techniken und Musikeinflüssen. Sein Spielfeld zwischen Avantgarde und klassischem Jazz füllt Wogram mit seinen Mitstreitern von Root 70 mit einer großen Lässigkeit aus, die man hören kann und die sie abhebt von vielen anderen.

 

Rusty Bagpipes

Das erste Stück auf dem Album tippelt zielstrebig ins Ohr und setzt sich dort mit seinem leicht zurückgenommenen Boogie-Groove und seinen spielerischen Melodielinien fest. Dem Booklet entnehme ich staunend, dass dieser „Rusty Bagpipe Boogie“ nach einer schottischen Kamasutra-Position benannt sein soll, so zumindest Hayden Chisholm, der es wissen sollte, da er den Song geschrieben hat. Ferner wird noch dessen strenge presbyterianische Erziehung erwähnt und das lässt mich wiederum zu dem Schluss kommen, dass hier doch eher reine Legendenbildung betrieben wird. Aber gut, Sex sells und solche Anekdötchen merkt man sich eben.

 

Die nächsten beiden Songs lassen der Kakophonie mehr Raum. Das Wort „gefällig“ soll hier nicht negativ klingen, aber just in dem Moment, wo sich der Gedanke breit machen könnte, dass es jetzt genug sei, genau dann, wird ein Thema wieder aufgenommen, ein anderer Modus angeschlagen und die Band einigt sich erneut auf eine gemeinsame Linie und lässt das Lied abgerundet zu einem Ende kommen. Es ist ein Gefühl für das richtige Timing. „How play Blues“ landet auf Anhieb. Eingängig und gleichermaßen überraschend. Bass und Posaune reichen sich völlig aus, die beiden wirken sehr aufeinander eingespielt, sie lassen sich gegenseitig Raum für eigene Interpretationen und finden wie selbstverständlich wieder zueinander zurück. Herrlich, wenn das auf so unaufgeregte Weise funktioniert.

 

Tempelgesang und Reggae-Rhytmus

In „Homeland’s Sky“ erhebt sich nach circa vier Minuten eine Stimme. Überraschend, weil man auf dieser CD mit einer Stimme überhaupt nicht mehr gerechnet hätte und dann wird auch noch über die Unnötigkeit des Reisens gesprochen. Bäume und Blumen reisen ja schließlich auch nicht. Das ist korrekt und vielleicht genau der richtige Ansatz, wenn man nach dem Grund sucht, warum man sich diesen Sommer entschieden hat, zuhause zu bleiben. Für das reisende Volk der Musiker ist es wohl eine nachvollziehbare Sehnsucht, das Nicht-Reisen. „No money to travel and I am glad, I don’t. Let the others travel and come home wiser. I’m smart enough to die one day in dignity right here.” Die Stimme gehört Hayden Chisholm, der auf einen Text des Schweizer Schriftstellers Robert Walser Bezug nimmt. Eine weitere überraschende Einlage auf der CD ist der Beginn des Liedes „Hot Summer Blues“. Denn da klingt zunächst einmal gar nichts nach heißem Sommer Blues. Was da zu hören ist, sind Obertongesänge (wieder Hayden Chrisholm, der sich hier austobt), die an tibetanischen Tempelgesang erinnern.

 

Ein weiteres Mal wird einem die Experimentierfreude der vier Musiker bewusst, die diese Formation so prägt und die trotzdem so leichtfüßig daherkommt, dass es eine Freude ist. Hinter „Behind The Heart Beat“ verbirgt sich dann auch noch ein Dub-Reggae-Rhythmus, auf dem und um den herum experimentiert wird. Man könnte der Band vorwerfen, dass sie vor lauter Experimentierfreude auch vor Ausflügen ins Jamaikanische oder Tibetanische nicht Halt machen, könnte man. In wessen Ohren so ein Satz gerechtfertigt klingt, der sollte sich das Album tatsächlich nicht kaufen. Für alle anderen wird es eine vielschichtige Reise werden. Sehr konsequent eigentlich, denn die Ansage lautete ja bereits: „let the others travel“ – die Band bleibt, der Hörer geht auf Reisen. Und das funktioniert auch noch.


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