Thomas Kistner: Fifa-MafiaFrankie Chavez: Family Treevon Michael EbmeyerAndrea Maria Schenkel: Finsterau"Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniertDer FUTTERblog - streng verdaulich!
Ruhige Töne (nicht nur) für Indianer und alte Weiber
Nachdem wir einen Sommer erlebt haben, der einen abwechselnd das Wasser aus dem vollgelaufenen Keller schöpfen und die schwüle Hitze samt nerviger Stechbiester verfluchen ließ, freuen wir uns auf das, was die einen "Indian Summer", die anderen "Altweibersommer" nennen, nämlich entspannte, wohltemperierte Tage mit Muße für ein Feierabendbierchen im Freien und das Schreiben der Tonträger-Einkaufsliste: Ruhige Töne für die dann folgenden, kürzeren Tage sollen es sein. Von TOM ASAM
Alin Coen Band: Wer bist du?
Im Mittelpunkt der Alin Coen Band steht, jawoll das ist die 100.000 Euro-Frage, wer? Richtig: Alin Coen. Leider ist der Bandname nicht sehr originell und in Kombination mit dem Cover nicht wirklich Aufmerksamkeit heischend. Aber: Alin Coen IST mit ihrer phantastischen Stimme und ihrem Songwriting das Herzstück der Band. Und: „Ja, ich merke ich bin von dir entzückt!“Die Aufmerksamkeit hat sie, in dem Moment, da der erste Song ein paar Sekunden alt ist. Eine phantastische Stimme erklingt zwischen den überwiegend schlicht und luftig in großer Leichtigkeit aufspielenden Instrumenten (meist nur Gitarre, Bass, Drums). Der Rhythmusabteilung hört man das Jazzstudium an, hier stehen Zurückhaltung und effektiver Einsatz der Ressourcen jederzeit über unnötiger Krafthuberei. Coen setzt sich in ihren Texten immer wieder mit der allseits bekannten Problematik der Balance zwischen Nähe und Distanz auseinander.
Ihr Blick auf das Zwischenmenschliche wirkt dabei gleichzeitig ehrlich und selbstironisch. Sie schafft es, alltägliche Situationen mit klaren Worten zu beschreiben und dabei eine gewisse Nähe zuzulassen, ohne aufdringlich, belanglos oder naiv zu wirken. Die Hälfte der 14 Songs ist dabei in englischer Sprache verfasst, derer Alin Coen akzentfrei mächtig ist. Alles in allem ein feinsinniges Stück fesselnden Pops, an dem der Hörer sehr lange Freude haben wird! Das einzige, was diese Truppe von großen Bühnen trennt, scheint mal wieder ihre Herkunft zu sein. Zwischen all den Vienna Tengs, Regina Spectors oder Anna Ternheims muss doch Platz sein, für ein derartiges Talent aus den eigenen Reihen! Gut, dieses Debutalbum erscheint auf dem bandeigenem Label „Pflanz einen Baum.“ Vielleicht wächst der so schnell, dass er rundherum wahrgenommen wird! Säen sie mit, besuchen Sie die anstehende Tour und kaufen Sie das Album! Auf das bald keiner mehr fragt: „wer bist du,Alin!“
My Sister Grenadine: Subtitles and paper planes
Einige Parallelen könnte man zwischen der Alin Coen Band und My Sister Grenadine herstellen. Beide kommen aus Deutschland, auch die Schwester beschäftigt sich mit nachdenklichen, persönlichen Themen. Auch hier verzichtet man auf aufdringliche Töne. Und schließlich bieten beide Booklets neben den Texten auch unzählige kleine, nette Zeichnungen und Illustrationen. Im Falle des Covers bleibt die Schwester für meinen Geschmack jedoch deutlich Siegerin mit dem wunderschönen Artwork von Katja von Helldorf, die mit Stimme und singender Säge auch zum musikalischen Gelingen beiträgt. Da verwundert es nicht, dass es sich bei My Sister Grenadine um eine in Berlin lebende, künstlerisch und freundschaftlich verwobene Truppe handelt. Beschwingt von den positiven Resonanzen bezüglich des Debutalbums „shine in the dark“ legt Vincenz Kokot, der Kopf von M.S.G. nun gleich eine doppelte Werkschau auf zwei CD´s vor.
So pendelt die Vorstellung zwischen Unplugged-Trio und einem die elektrische Gitarre mit Loops und Soundmalereien verbindenden Solo-Kokot. Dabei werden ausgetretene Singer-Songwriter Pfade verlassen, Folkklischees umschifft und die übertriebene Popgeste vermieden. Der melancholische Grundton wird nicht ins unnötig Schwarze verschoben, ach überhaupt wird hier scheinbar mehr vermieden als erledigt. So bleibt zwischen den Tönen dieses vom Mut zur Eigenständigkeit geprägten Doppelalbums genug Raum, um die Gedanken fliegen zu lassen. Also dengeln die Gedankenfetzen, zwischen Ukulele und singender Säge, vorbei an grauen Wolken Richtung irgendwo. Wirkt so sympathisch und persönlich, dass man sich wundert, dass dem Digipack kein Kärtchen mit einer Einladung zur nächsten Familienfeier beiliegt. Von wegen: „alles da, brauchst nix mitbringen, außer guter Laune, deine Schwester G.“
Seth Lakeman: Hearts and Minds
Auf seinem fünften Album zeigt sich wiederholt gefeierte und Award-Gekrönte Seth Lakeman inhaltlich vielfältig und weniger rockig als auf dem Vorgänger „poor man´s heaven“. Vom bis weit in´s Indieland hineingeschwappten Erfolg neuer Folkies dies- und jenseits des großes Teichs freut er sich, dass Instrumente wie Banjos, Mandolinen und Violinen wieder en vogue sind. Er und sein Team bedienen diese gewohnt souverän, wobei seine Band diesmal um den Multiinstrumentalisten Benji Kirkpatrick (Mundharmonika,Banjo, Backgroundgesang) erweitert wurde. Den Rahmen des Albums bildet die Auseinandersetzung mit der Finanzkrise und eine Abrechung mit den diese auslösenden Institutionen bzw. Themen wie Korruption und Betrug („Hearts and Minds“ und „The Circle Grows“). Dem Thema angemessen wird dabei auch mal ein etwas düsterer Unterton heraufbeschworen. Dieser steht ja auch typischen Folktopics nicht schlecht. Mythen und Geschichten gehören einfach dazu.
So erzählt „Preacher´s Ghost“ von einem Bergmann, der sich vom Säufer zum Täufer (genauer: Methodistenprediger) mausert, „The Kings own son“ beschreibt die gern verwandte Mär vom Verzweifelten, der seine Seele an den Teufel verkaufte und - wie sollte es anders sein - seitdem als verfluchte Seele durch das Moor geistert. Abgerundet wird die professionelle Darbietung, dem Titel gemäß, mit ein paar vertonten Liebesgeschichten. Trotz aller Vorschusslorbeeren und handwerklicher Brillianz packt mich das Album im Vergleich zu Folk-Jungspunden wie Mumford and Sons oder Fleet Foxes nicht, auch wenn Tchad Blake (Elvis Costello, Tom Waits) produziert hat. Für meinen Geschmack etwas zu glatt und manieriert, wenig erdig und mit blechernem Drumsound versehen.
Marie Fisker: Ghost of love
Denkt man an Popmusik (im weiteren Sinne) aus Regionen nördlich von Hamburg, kommt einem vermutlich zunächst Schweden in den Sinn. Oder vielleicht ein paar spinnerte Finnencombos und bleichgeschminkte, norwegische Todesmetaller. Doch auch unsere direkten nördlichen Nachbarn zementieren ihre Flagge immer fester in die international gelesene Poplandkarte. Kashmir, Under Byen und einige weitere machen schon seit Jahren auf sich aufmerksam. Dieses Jahr gab es bereits diverse sehr überzeugende Alben aus Dänemark, wie etwa Magic Chair von Efterklang oder das neue, leider nur zu einem absurden Importpreis erhältliche, Album der Nugazer von Ghost Society. Nicht zu vergessen der vor fünf Jahren richtig durchgestartete Trentemöller, der mit seinem Album „The last ressort“ viele Indierock-Liebhaber Richtung elektronischer Musik schielen ließ und umgekehrt.
Auf seinen letzten Veröffentlichungen, wie auch bei seinen im Netz kursierenden Mixes offenbaren sich die vielfätigen Zutaten und Einflüsse, die zu seinem Sound beitragen. Auf dem aktuellen „Into the great white yonder“ singt Marie Fisker auf der ersten Single „Sycamore Feeling.“ Trentemöller verdankt Fisker auch das Vergnügen, vor 50.000 Roskilde-Besuchern auf der Bühne gestanden zu haben. Eine ähnlich große Aufmerksamkeit wird sie sich auch für ihr Debüt „Ghost of love“ wünschen, das mit einiger Verspätung nun auch in Deutschland erscheint. Lobeshymnen der Dänischen Presse eilen dem Album bereits voraus. Die 34-järige Kopenhagenerin kombiniert die reduzierte, effektive Instrumentierung mit leicht angerauter, betörender Stimme und schafft eine nordisch-verwehte, sehnsuchtsvolle wie melancholische Bluesvariante mit Popappeal. Singer-Songwriter-Stuff vom feinsten für den europäischen Herbst.Junge Dänin, alter Schwede!
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