Thomas Kistner: Fifa-Mafia Frankie Chavez: Family Tree Andrea Maria Schenkel: Finsterau David Small: Stiche. Erinnerungen "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert Kennzeichen T - 28.04.2012
Freitag, 25. Mai 2012 | 11:34

Axel Krygier: Pesebre

28.10.2010

Argentinische Mäuseorgel

Hätte ich gewusst, dass Weltmusik so viel Spaß machen kann, wie Axel Krygiers Album Pesebre, wäre meine CD-Sammlung sicher um einige lateinamerikanische Namen reicher. Von DANIEL WÜLLNER

 

Die Monty Python-Belegschaft hat mal einen Sketch geschrieben, bei dem ein Mann im weißen Anzug sein Publikum auf die Klänge seiner einzigartigen Mäuseorgel vorbereitet. Richtig mit zwei Holzhämmern bearbeitet, soll man „The Bells of Saint Mary“ vernehmen können. Der Argentinier Axel Krygier verwendet auf Pesesbre anstelle einer Mäuseorgel neben digitalisierten Lauten von kleine Ziegen und großen Tigern noch Hiphop-Beats und allerlei traditionelle Instrumente. Dem wilden Wechsel zwischen Traditionen und Stilrichtungen zuzuhören, bereitet mindestens genauso viel Freude wie der Pythonsche Sketch und ist ebenso unberechenbar.

 

Der Titel des Albums, Pesebre, bedeutet so viel wie Krippe oder Wiege. In selbige hat der liebe Gott dem Kindlein Axel Krygier neben einer Melodika ein wahnwitziges Talent und die Lust gegeben, zu musizieren und zu erfinden.

 

Ein musikalischer Scherz

Im Gegensatz zu dem Herrn im weißen Anzug sieht sich Krygier – nachdem ihm die metaphorischen Holzhämmer abgenommen wurden – sofort nach einem neuen Instrument um, auf dem er den Song fortsetzen kann. Als studierter Musiker (Piano und Flöte) muss Krygier sich nicht hinter den elektronischen Quietsch- und Brüllgeräuschen verstecken und greift für Pesebre gleich auf ein ganzes Instrumentarium zurück: Neben seinem Gesang hört man ihn an Keyboards, Akkordeon, Bass, Saxophon und Klarinette. Krygier beweist ein unglaubliches Gespür für Timing, er scheint intuitiv zu wissen, wie er den Song weiterlaufen lassen will.

 

Verbunden wird dieses Sammelsurium an Instrumenten durch Anlehnungen an die Cumbia oder auch mal durch eine angestimmte Polka, die aber gerade als sie sich voll entfaltet, wieder bei Seite gelegt wird, um etwas Neues anzufangen. Krygier spielt eine musikalische Schnitzeljagd ("Serpentea el tren"), sodass ihn niemand auf eine Stilrichtung oder ein Genre festlegen kann. Mit Sicherheit handelt es sich nicht mehr um Weltmusik, sondern viel mehr um einen musikalischen Scherz, eine Parodie der Weltmusik. Baut Krygier seine Songs erst relativ traditionell auf, beginnt er zum Beispiel mit einem Bolero, schleichen sich schnell musikalischen Albernheiten ein oder es tauchen populäre Figuren wie Calimero auf. Durch die Geschwindigkeit der Wechsel zwischen Ernsthaftem und Spaßigem kommt beim Zuhören nie Langeweile auf. Am Ende bleibt nur die Frage, wie lange man sich an der argentinischen Mäuseorgel erfreuen kann, bis man wieder etwas mit durchgängiger Struktur suchen wird. Ich kann mir den Monty Python-Sketch jedenfalls unglaublich oft ansehen.


Flattr this

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Unser Lieblingssufi live!!

06.06. Aachen, Musikbunker
07.06. Hannover, Musiktheater Bad
19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich
20.06. Berlin, Gretchen
21.06. Leipzig, UT Connewitz
22.06. ...

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...