Zwischen Nüchtern und Dicht
Tiersen plante Dust Lane ursprünglich als schlichtes, songorientiertes Album, dass er im Alleingang einspielen wollte. In seinem Domizil auf der kleinen Insel Ouessant vor der bretonischen Küste hangelte er sich mit Akustikgitarre, Mandoline und Bouzouki an traditionellen Songstrukturen entlang. Doch begann ihn dies irgendwie zu langweilen. „Mein Plan bestand darin, mit dem Kontrast zwischen elektrischen, ziemlich dichten Parts und nüchternen, minimalistischen Parts, darunter Piano und Saiten, zu spielen.“ Und das ist ihm absolut gelungen! Der Einsatz von Vintage-Synthesizern und die Erweiterung der Musiker-Riege machen sich bezahlt. An den Drums ist Dave Collingwood von den fabelhaften Gravenhurst zu hören. Die bretonische Sängerin Gaelle Kerrien kam auch, um mit Yann über Banjo- und Mellotron-tönen zu singen: „fuck me, fuck me…make me come again…“ An anderen Stellen kommen die Stimmen von Tiersen, Kerrien und Mitgliedern der Band Syd Matters zusammen.
Beeindruckend ist der Song Palestine, wenn der Titel über sägenden Violinen und Daves Drumsound wieder und wieder buchstabiert wird. Im Chaos und Staub des Gazastreifens „kann es wieder lebendig werden.“ Das spiegelt die Grundstimmung des Albums wieder, das sich unüberhörbar auch mit dem Thema Sterblichkeit auseinandersetzt. Trotz aller Melancholie mischt sich hier jedoch immer wieder ein warmer Grundton der Hoffnung mit ein. Was das sehr geschmackssichere Cover anbelangt: Die Bäume werden wieder Blätter tragen, der Fahrer des Wagens zurückkehren und die …– ja genau, was ist denn mit der Dust Lane? Sieht mir ja eigentlich eher nach matschigem Waldweg aus. Aber da haben wir den Blick nach vorne doch schon wieder: nächsten Sommer wird er zur staubigen Piste.

