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Freitag, 25. Mai 2012 | 11:37

Yann Tiersen: Dust Lane

07.10.2010

Reif - auch ohne Film

Der bretonische Dompteur der Klangfarben unternimmt einen wunderschönen Ausflug in den Herbstwald. Von TOM ASAM

 

Ungefähr zwanzig Jahre ist es nun her, dass Dominque A und andere junge Franzosen zunehmend eine regionale und generationsmäßig eigene musikalische Ausdrucksweise anstrebten. Bevor der Genre-Stempel „Nouvelle-Chanson“ oder „Neo-Chanson“ ausgepackt wurde vergingen indes noch einige Jahre. Und wie es immer so ist, mit solchen Schubladen, werden da mittlerweile ziemlich unterschiedliche Ausdrucksformen reingepackt. Während Dominique A´s erste Ansätze von nüchterner Stimme und Lofi-Ästhetik geprägt waren, kennen wir natürlich auch die Variante mit mädchenhaften Singer-Songwriter-Charme oder Folk-Anverwandtes mit Bossa- und/oder Jazzsprenklern.

 

Ausgangpunkt war Anfang der 90er Jahre der Versuch, sich zwischen dem großen Chanson-Vermächtnis alter Tage und den Anpassungen an anglo-amerikanische Vorbilder – die im Bereich der alternativen französischen Musik der Postpunk-Ära vorherrschten - neu zu positionieren.

Ein großer Name in diesem weiten und mit vielen interessanten Musikern besiedelten Feld ist Yann Tiersen. Nicht nur hat er mit diversen Künstlern, wie dem erwähnten Dominique A oder Francoiz Breut zusammengearbeitet, er ist vor allem durch seine Filmmusik-Arbeiten über die Landesgrenzen hinaus bekannt geworden. Wer hat nicht „Die fabelhafte Welt der Amelie“ gesehen und den kongenialen Soundtrack von Tiersen genossen? Bereits wieder etwas in Vergessenheit geraten ist hingegen, dass er auch die Musik zu „Goodbye, Lenin“ komponierte!

 

Zwischen Nüchtern und Dicht

Tiersen plante Dust Lane ursprünglich als schlichtes, songorientiertes Album, dass er im Alleingang einspielen wollte. In seinem Domizil auf der kleinen Insel Ouessant vor der bretonischen Küste hangelte er sich mit Akustikgitarre, Mandoline und Bouzouki an traditionellen Songstrukturen entlang. Doch begann ihn dies irgendwie zu langweilen. „Mein Plan bestand darin, mit dem Kontrast zwischen elektrischen, ziemlich dichten Parts und nüchternen, minimalistischen Parts, darunter Piano und Saiten, zu spielen.“ Und das ist ihm absolut gelungen! Der Einsatz von Vintage-Synthesizern und die Erweiterung der Musiker-Riege machen sich bezahlt. An den Drums ist Dave Collingwood von den fabelhaften Gravenhurst zu hören. Die bretonische Sängerin Gaelle Kerrien kam auch, um mit Yann über Banjo- und Mellotron-tönen zu singen: „fuck me, fuck me…make me come again…“ An anderen Stellen kommen die Stimmen von Tiersen, Kerrien und Mitgliedern der Band Syd Matters zusammen.

 

Beeindruckend ist der Song Palestine, wenn der Titel über sägenden Violinen und Daves Drumsound wieder und wieder buchstabiert wird. Im Chaos und Staub des Gazastreifens kann es wieder lebendig werden.Das spiegelt die Grundstimmung des Albums wieder, das sich unüberhörbar auch mit dem Thema Sterblichkeit auseinandersetzt.  Trotz aller Melancholie mischt sich hier jedoch immer wieder ein warmer Grundton der Hoffnung mit ein. Was das sehr geschmackssichere Cover anbelangt: Die Bäume werden wieder Blätter tragen, der Fahrer des Wagens zurückkehren und die …– ja genau, was ist denn mit der Dust Lane? Sieht mir ja eigentlich eher nach matschigem Waldweg aus. Aber da haben wir den Blick nach vorne doch schon wieder: nächsten Sommer wird er zur staubigen Piste.


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