Mixtape Reloaded
07.10.2010
Suck my deck, du Mixer!
Wenngleich die Romantik weitgehend verloren ist, hat der Mix auch in Post-Tapedeck-Zeiten noch seine Berechtigung. Oder? Von TOM ASAM
Viele etwas ältere Musikliebhaber werden einschneidende Erlebnisse mit der - ja ich möchte sagen: Kultur- des Mixtapes verbinden. Es stellte schon eine gewisse Ehrerbietung dar, jemanden ein C90-Tape, randvoll mit eigenen Lieblingsliedern, zu überreichen. Musik war eben nicht jederzeit und überall grenzenlos verfügbar; man sagte etwas über sich selbst aus, wenn man ein Mixtape zusammenstellte. Stundenlanges Wühlen in der Sammlung, zusammenstellen, aufnehmen, Cover basteln...! Was die Sache natürlich noch bedeutender machte: in der Regel war es ja ein „Junge nimmt einem Mädchen, das ihm gefällt, seine Lieblingstücke auf“-Ding. Da war neben der Musik auch der textliche Inhalt nicht ganz unbedeutend. Der gewünschte Effekt, oder sollte ich sagen: Erfolg, eines solchen Tapes, blieb wohl meistens aus. Die beim Aufnehmen gefühlte Hipness und Individualität, war schnell angeschlagen, wenn man feststellte, dass sich die Sammlung des angehimmelten Mädchens überwiegend aus Tapes aller möglicher Knallköpfe speiste.
Die Tapedecks sind auf den Wertstoffhöfen und in den Kellern der Republik gelandet, und in Zeiten von MP3, Downloads und Abspielsoftwares kann nun wirklich jeder „Hoizdepp“ (laut dem „falschen Vöttinger“ eine im Germeringer Raum beliebte Ausdrucksweise) eine Abfolge hörbarer Songs, welchen Genres oder zu welchem Zweck auch immer, zusammenstellen. Zudem gibt es zigtausende von perfekten Mixes unzähliger Profis oder Freaks in den Weiten des Netzes. Trotzdem setzen diverse Labels darauf, Mixes gegen Geld auf Silberling bzw. Platte oder als Download an den Mann zu bringen.
Friendly Fires
Zum Beispiel K7 Records. Die haben vor 15 Jahren bereits ihre enorm erfolgreiche und bis heute fortgesetzte Dj Kicks-Serie initiert, die schon immer darauf ausgelegt war, auch in den eigenen vier Wänden für Spaß zu sorgen. Der Mix von der britischen Indie-Pop-Dance-Band Friendly Fires ist hingegen nicht mit DJ Kicks überschrieben, sondern mit Bugged Out, einer europaweiten Partyreihe. Untertitel: Suck my Deck.“Alle drei Mitglieder sind auch als DJ´s unterwegs, und so bot sich dieser Mix an. Mit Unterstützung von solchen Größen wie Michael Mayer (Kompakt) und Hot Chip war es wohl nicht allzu schwer, eine stimmige wie abwechslungsreiche Mischung aus Szene-Klassikern und aktuellen Hits rauszuhauen. Von Bot´Ox Bearded Lady Motorcycle Show über den Munk-Remix von The Phenomenal Handclap Band bis zum exklusiv mit Atari & III von den Friendly Fires eingespieltem Stay here und Boo Williams Mortal Dance gibt es ein breites Spektrum tanzbarer Hits für den eigenen Club.
The Big Pink
Auch auf K7 erscheint The Big Pink in der tatsächlich tapes benannten Compilation-Reihe. Und es steckt auch Milo Cordell, Mastermind von The Big Pink, dahinter, die mich mit ihrem phantastischem Debut A brief history of love - auch live - schwer beeindruckt haben. Im Vergleich zum eigenen Nugazer-Electro-Rock-Sound geht es hier etwas elektronischer, trotzdem hypnotisch-sehnsuchtsvoll zur Sache. Eine neue Generation amerikanischer Elektro-Tüftler aus Sub-Genre-Schubladen wie witch house, drag music oder haunted house geben sich ein Stelldichein. Gang Gang Dance, No Bra, oOoOO oder jj. Ich steh total drauf, leider verhageln sogenannte „voice overs“ („you´re listening to the big pink TAPE...“[sic!]) auf der Promokopie den Spaß.
Simian Mobile Disco
Eine neue Mix-CD Reihe ist auch Fixed, benannt nach einer NYC-Party-Reihe. Der Kick Of erfolgt stilgerecht mit der Simian Mobile Disco (aka James Fond und Jas Shaw), die dafür sorgen, dass Dancemusic in den US of A weiter an Bedeutung gewinnen wird. Hier werden so unterschiedliche Namen wie Munich´s Finest DJ Hell, Kraut-Legende Conrad Schnitzler oder Pantha Du Prince (um die Bedeutung deutscher Akteure in diesem Bereich mal wieder zu verdeutlichen) unter den weiten Begriff der Techno-Musik subsumiert. Durchaus gelungen - mal schauen, was in dieser Reihe noch folgen wird.
Mit der eingangs erwähnten Mix-Tape-Tradition hat all das nicht viel zu tun. Einige Euretten für einen gelungenen Mix auszugeben mag aber trotzdem durchaus Sinn machen. Dabei würde es allerdings nicht schaden wenn die CD´s nicht so völlig lieblos ausgestattet sind, wie die mir vorliegenden (Promo-)Exemplare.


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