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Freitag, 25. Mai 2012 | 11:37

Von Flohmärkten und Wühltischen

11.10.2010

Falsche Fährten

Grundsätzlich sollte man Musik anhören. Wenn man seinen Durst nach neuen Scheiben gelegentlich an Kaufhauswühltischen und Flohmarktkisten stillt, muss man sich zusätzlich auf Augen, Nase und Intuition verlassen. Denn nicht immer lässt die Verpackung auf den Inhalt schließen. Von DAVID EISERT

 

Let there be blood

Blood haben die Franzosen Heliogabale ihre neue Scheibe getauft. Auf dem Cover sieht man ein Zigarettenbürscherl mit blutiger Nase. So was Ähnliches gab’s vor Jahren mal auf dem Cover von Andrew A.K. zu sehen. Dahinter verbarg sich ziemlich mieser Gröhl-Party-Metal der schnell wieder vergessen wurde. Hier fließt das Blood aber ganz dezent, keine gebrochenen Nasenflügel, lediglich ein feines Rinnsal bahnt sich seinen Weg durch den Oberlippenbartflaum. Also kein Metal, blood’n’gore Fetischisten sollten ihre Finger weg lassen. Es gibt leicht schrägen Gitarrenpop zu hören, der Gesang liegt manchmal ein wenig daneben, was aber bestimmt gewollt ist. Beim Opener Q For Qing dachte ich spontan an frühe Placebo aber der Gedanke ist so schnell weggewischt, so wie das Nasenbluten vom Coverboy. Die 10 Songs sind gefällig, haben einen Hang zu den großen Zeiten dieser Musik in den 90er Jahren. Gut gespielt ist es allemal. Der ganz große Wurf ist den Franzosen nicht gelungen, aber ärgern muss man sich nach einem Blindkauf auch nicht.

 

Sorrow is just a six letter word

Sad Days For Puppets, ein schnörkeliger Schriftzug auf ‘nem Dunkler-Wald-Fantasie-Cover; dazu Songtitel wie Sorrow, Sorrow, Such a Waste oder Monster & The Beast. Das muss Emo/Screamo-Schlagmichtot-Metal-Core sein. 100 Prozent!

 

Die Band: aus Schweden, das Label: Sonic Cathedral! Scheibe eingelegt und dann das… „Sorrow, Sorrow come back tomorrow, I have got no tears for you today…”. Glockenklar und Engelsgleich findet die Platte ihr gesungenes Präludium für 37:33 Minuten Wohlfühlmusik in Moll. Die Sorge an sich scheint ein treuer Begleiter der Texter zu sein, drehen sich die ersten fünf Lieder um genau diesen emotionalen Zustand. Schwermut ist ja nicht schlecht für die Kreativität. Die Band um Sängerin Anna Eklund und Songwriter Martin Källholm verpackt ihre düsteren Gedanken fesseln und faszinierend. Ähnlich einem klassischen Märchen, das oft grausam und gerade deshalb so packend ist. Um die Angelegenheit gänzlich verwirrend zu machen, werden Kiss, Thin Lizzy und Cheap Trick als musikalische Referenzen angeben. Das interpretiere ich aber so, dass die Gitarristen ihre Klampfen nicht nur zum traurig draufgucken um den Hals haben, sondern wissen, wie man sie bedient. Große Melodien und große Momente inklusive. Stellt euch vor, Nada Surf haben die Mamas von den Mamas&Papas oder Melanie oder alle zusammen am Mikro. Sehr schön!

 

Flieg nicht zu hoch, mein kleiner Freund

Beim Weiterflippen durch die Wühlkiste bleibt das Auge an einer CD hängen, die wohl von einem fingerfertigen Ornithologen gestaltet wurde. Der Scherenschnitt eines Raben ziert das Cover von Belleruche: 270 Stories. Zu hören gibt es allerdings nicht feinste Vogelstimmen oder Fachvorträge über das Verhalten von Zugvögeln, sondern eine handgemachte Mischung aus Soul, Blues und TripHop. DJ Modest sorgt für den Groove, der meist im Midtempo ein tanzbares Fundament liefert. Ricky Fabulous zupft an der Gitarre oder pumpt kräftige Basslines durch die Röhren. Besonders gelungen beim Song Cat In A Dog Suit; hier schleicht sich Kathrin deBoer mit dunkler, souliger Stimme langsam an den hymnischen Refrain und spätestens bei der dritten Wiederholung sind alle Hüften am kreisen. Wer eh schon steht, kann zur Single Clockwatching weitertanzen - reduziert, elektrisch, dubby. Nichts für die großen Tanztempel aber bestens aufgehoben in kleinen Clubs. Im Herbst kommen die drei Briten auf Tour, mal sehen wie viele ihrer 270 Geschichten sie dann zu erzählen haben.

 

Trink, Brüderlein, trink

Lustige Bandnamen mit Alkoholverweisen sind kritisch. Benennen sich doch gerne mal junge Punkkapellen oder Stimmungs- und Tanzkombos nach den Getränkevorlieben ihrer Mitglieder. Jung und Punk sind die Damen und Herren das Berliner Quartetts Two Chix & A Beer schon mal nicht. Aber mit lustigen Pseudonymen und ebenso lustigem Coverfoto (Typ mit Anzug und Pistolenhalfter auf Couch mit zwei Damen) stehen sie vorerst noch im Verdacht auf Top-Forty zu machen oder – noch schlimmer – deutschen Schlager in Swingversionen zu spielen.

 

So schlimm kommt es an Ende zum Glück nicht. Eher das Gegenteil ist der Fall. Musiker, die sich bei The Whitest Boy Alive, Caspar Broetzmann Bonkers oder den Space Cowboys musikalische Sporen verdient haben wissen, dass es mehr als drei Akkorde gibt und „Hey Baby…“ nicht für den Gewinn eines Lyrikpreises reicht. Die Friends Of Dolores (Albumtitel) haben ihre musikalische Heimat im Amerika der 60er und 70er Jahre gefunden. Folk, dreckiger Blues mit spröden und gebrochenen Melodien und eine kaputte Stimme. An Lou Reed oder Dylan wird sich orientiert. Für meinen Geschmack kommt bei den ersten Stücken des Albums die Wurlitzer etwas zu oft zum Einsatz, so dass es mir zu gewollt klingt. Zur Mitte hin hat sich die Platte aber auf das Wesentliche reduziert und man fühlt sich so, als ob man diese Songs schon ewig im Ohr hat. Jetzt vielleicht doch noch mal über den Bandnamen nachdenken?

 

Das Beste zum Schluss

Und so wie am Ende des Regenbogens ein Töpfchen voller Gold auf dich wartet, findet sich in jeder Grabbelkiste zumindest ein Schatz der für den schmerzenden Popbuckel entschädigt. In diesem Fall ist es die 12“ Splitsingle The day will come tonight / Music for Simulator Fligths der Berliner Bands Chateau Laut und Jeanie Bueller. Dieses Produkt ist der Gegenentwurf zum allgemeinen Datenkomprimierungswahn und zu allen Kosten/Nutzen-Effektivität Debatten. Ein Lied pro Seite! Zwei hochwertige Vierfarb-Cover!! und ein künstlerisches Beiblatt!!!

Soviel Raum, Hingabe und Liebe für verhältnismäßig wenig Musik – wunderbar, herrlich, großartig! Ich schlage vor, wie löschen jetzt alle wahllos drei MP3s von unseren Festplatten und ordern bei haywain.com dieses Relikt aus den großen Zeiten des Vinyls. Zwei Instrumentals gibt es zu hören, einmal eher laut und schräg, so wie man es von einer bluNoise Band (Chateau Laut) gerne mag und einmal etwas dezenter, weniger verzehrt, mehr melodisch (Jeanie Bueller).


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