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Freitag, 25. Mai 2012 | 11:39

Jens Friebe: Abändern

21.10.2010

Ein Verbalhoudini mit Mission

Auf seinem vierten Studioalbum macht Jens Friebe den Titel Abändern zum Konzept, ändert seinen Stil und gleichzeitig ab. VON DANIEL WÜLLNER

 

Jedes neue Album fügt sich unweigerlich in eine Diskografie ein, doch nicht jede Platte erweitert automatisch das musikalische Repertoire seines Künstlers. Jens Friebe gibt sich nicht damit zufrieden einfach nur ein weiteres Album zu produzieren, sondern ändert seinen eigenen Stil. Die Veränderung ist also Programm. Und wie jede Veränderung birgt auch die musikalische die Gefahr, dass sie alles verschlimmert, anstatt etwas zu verbessern. „Früher war alles besser,“ sagen die alten Leute, aber nur weil sie Angst haben das Neue auszuprobieren.

 

Doch die reine Möglichkeit, dass es nur schlechter werden könnte, hält Friebe nicht davon ab zu experimentieren. Also ändert er. Die zentrale Stellung der Gitarre in vorangegangenen Alben wird nun von dem Klavier eingenommen. Die doppeldeutige Wortspielerei hat zwar nach seinem letzten Album Das mit dem Auto ist egal, Hauptsache dir ist nichts passiert abgenommen, doch finden sich auch immer wieder verspielte Texte.

 


 

Spagat als Lieblingsstellung

Mit viel Fingerfertigkeit, am Klavier, befreit sich Friebe von der selbstverliebten Wortlust seines „Lawinenhund“ vom dem letzten Album. Auf Abändern dienen die Wortspiele nun einer klaren Programmatik. Beim chansonhaften „Charles de Gaulle“ erfüllen Strophen wie „Wir lagen uns in den Armen / oder waren es die Haare?“ ihre Aufgabe so brillant, indem sie den Rest des Refrains mit der doppeldeutigen Sehnsucht nach der verlorenen Liebe aufladen: „Die Jahre, die wir brauchen bis wir uns davon erholen / ziehen vorbei wie fremde Koffer auf dem Band am Charles de Gaulle / und die Lotsen winken den Piloten Lebewohl“.

 

Vor allem bei den Liebeslieder scheint der Spagat Friebes Lieblingsstellung zu sein. Obwohl der Zustand immer der gleiche ist, so ist doch keine Beziehung wie die andere. Die Lieder tragen dieser Tatsache Rechnung: Während Friebe bei „Theater“ das Zu-Zweit-Zuhause-Bleiben zelebriert, nimmt er seinen Partner in „Sei mein Plus Eins“ mit auf die Piste und jagt mit ihm durch rockige Clubs. Einfühlsam duzend, schüttelt Friebe in ersterem Song die Sofakissen auf, macht es gemütlich und lenkt durch sein inszeniertes Wort-Theater vom Ausgehen ab. Der Beat und die abgehackten Texte auf „Sei mein Plus Eins“ hingegen reißen die gemütliche Fassade wieder ein und drängen ins hinaus, ins Nachtleben.

 

Rauf und Runter

Wenn die Änderung doch schon vollzogen ist, warum fügt Friebe dem Verb „Ändern“, noch das scheinbar überflüssige Präfix „Ab-“ hinzu? Das mag daran liegen, dass dem deutschen Liedermacher das Sich-Ändern noch nicht ausreicht, deshalb ändert er den Eurodance-Klassiker von den Vengaboys „Up and Down“ kurzerhand ab. Obwohl die Unplugged-Version mit der Stimme von Julie Miess und dem von ihr geführten Chor sich nicht sonderlich von dem monotonen Beat des Originals unterscheidet, fällt bei genauerem Hinhören auf, dass etwas anderes gesungen wird: Aus „Up“ wird „Ab“ und aus „and Down“ wird „än-dern“. Plötzlich gibt es kein elitäres "Oben" mehr von dem man auf ein minderwertiges "Unten" herabsehen kann. Anstelle einer Ausschlachtung der Popkultur, z.B. durch die Pop-Art, stellt Friebe den Vengaboys-Song gleichwertig neben seine Kompositionen und zollt ihnen so seinen Tribut.

 

Mit "Abändern" beweist Friebe, dass man sich auch nach drei gelungen Alben, stets neu erfinden kann. Auch wenn das Abändern Geschmackssache sein mag, so ist das Ändern als solches doch gelungen. Dass bei dieser Entwicklung der Humor in seinen Songs nicht zu kurz kommt, ist sicherlich die erfreulichste Nachricht.


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