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Freitag, 25. Mai 2012 | 11:40

Lydia Daher: Flüchtige Bürger

19.10.2010

"Ich liebe dich jetzt erstmal für immer."

Wieder ist sie da, diese lästige Übergangszeit zwischen Altweibersommer, Herbst und Grauen vor dem Winter. In dieser Altweibersommerzeit kommt die junge Lydia Daher und veröffentlicht auf dem Münchner Fundstück-Label Trikont ihre CD namens Flüchtige Bürger. Ein guter zweiter Wurf, ein großer zweiter Wurf. Meint MIRJAM STUTZMANN.

 

Sie setzt uns überzeugend davon in Kenntnis, dass man für die Übergangszeit Übergangsjacken braucht. Da kann man ihr nur Recht geben und sich bei ihr für diese Worte und auch gleich für die ganze CD bedanken.

 

Eine CD, die es mit deutschen Texten schafft, eine verbale Bandbreite und Tiefe abzubilden, die keine peinliche Poesie ist, sondern Popmusik, die sich mit Recht ernst nimmt und nicht nur ihre Wirkung, sondern darüber hinaus sogar das Potenzial auf Nachwirkung hat. Etwas, was nicht so häufig vorkommt. Die auf der CD versammelten 12 Lieder stoßen Türen auf und laden in Räume ein, die genau die richtige Größe haben, die richtige Beleuchtung, die richtigen Sitzmöbel und in einigen hat man sogar das Gefühl, es säßen schon die richtigen Leute drin. Da will man sich einfach nur dazu setzen und lauschen.

 

Intelligente Gesellschafts- und Selbstkritik

Die junge Frau, die hier zu Gange war, ist gerade mal 30 Jahre alt und obwohl sie in Berlin geboren ist, wohnt sie in Augsburg. Ein Faktum, das es heutzutage tatsächlich  hervorzuheben gilt. Dass sie von Haus aus Lyrikerin ist bekommt den Texten sehr gut. Keine plumpe Lyrik, sondern um die Ecke gedachte Formulierungen. Dass sie als Poetry Slammerin auf Bühnen stand, das hört man, denn Lydia Daher hat ein unglaublich gutes Gefühl für den Rhythmus der Worte, die sich zu Sätzen formen und am Ende eine Botschaft haben, die nicht abgenudelt klingt, sondern irgendwie neu, weil sie neue Worte dafür gefunden hat. Intelligente Gesellschafts- und Selbstkritik von einer charmanten Sängerin, die mich ein wenig an Christiane Rösinger von den Lassie Singers und Britta erinnert, was wahrscheinlich an ihrer nasalen Stimme liegt. Der Anfang einer Romanze kann schon mal so klingen: 2Ich und du – schubidu – ich bin Yoga, du Kung Fu.“ Ich finde, das sagt alles.

 

Bei Aussagen wie „Wir sind die Konsumopfer. Wir sind die Schnäppchenjäger, Deutschlands Tüten- und Hoffnungsträger. Wie wär’s mit mehr Respekt für uns?“, da könnte man glatt einen klassisch deutschen Besinnungsaufsatz drüber schreiben lassen oder auch einfach im Ohr klingen lassen, ein bisschen drehen und wenden und mit dem Kopf nicken und dann doch wieder so weitermachen wie bisher.

 

Sätze wie der gute-böse „Ich liebe dich“-Satz, heißen bei Lydia Daher „Ich lieb dich jetzt erstmal für immer. Ich hoffe das ist ok für dich“. Dieses Liebeslied baut sich unaufdringlich auf bis endlich der Donnerschlag einsetzt und schafft es dabei, nicht klebrig-kitschig zu klingen, sondern echt zu sein und tief zu gehen. Die Dramaturgie dieses Liedes ist eine eigene kleine Welt.

 

Ist Lydia Dahers Lyrik schon ein ungewohnter Genuss, so bringt sie mit musikalischer Unterstützung von Sebastian Giussani und Deniz Khan auf Flüchtige Bürger den poetischen Zeilen einen großen Mehrwert, den wir zu schätzen wissen.  Denn wir sind „flüchtige Bürger in statischen Städten. Wir können uns nicht helfen, wir können uns nur retten.“ Über die nächsten Monate rettet sie mich bestimmt.


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