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Freitag, 25. Mai 2012 | 11:42

Francesco Tristano: Idiosynkrasia & Bachar Mar-Khalifé: Oil Slick

21.10.2010

Moderne Kammermusik zwischen arabischer Folklore und Detroit-Techno

Idiosynkrasie lässt sich in etwa mit „Eigentümlichkeit“ übersetzen, besitzt aber je nach Kontext  ziemlich unterschiedliche Bedeutungen. In der Psychiatrie bezeichnet sie etwa eine individuelle Verhaltensreaktion auf akustische oder visuelle Reize. So rufen gewisse Geräusche bei manchen Menschen Gefühle wie Ekel hervor. Von TOM ASAM

 

Falls die Musik von Tristano solche Reaktionen bei jemandem hervorrufen sollte, wäre das schon sehr eigentümlich. Der klassisch ausgebildete Pianist, beschloss nach dem vorgezeichneten Weg von der Akademie zur Philharmonie doch noch einmal neue Wege zu beschreiten. Auf seinen bisherigen Platten suchte er nach neuen Grenzverläufen zwischen akustischer und elektronischer Musik. Er möchte eine eigentümliche Musik schaffen, die dem Piano eine neue Aufmerksamkeit verschafft und automatische Gedankenreflexe wie Klassik und Vergangenheit auflöst. Vor allem das Projekt Aufgang sorgte letztes Jahr für großes Echo. Gemeinsam mit Schlagzeuger Aymeric Westrich und einem weiteren Pianisten (Rami Khalifé) schuf er eine interessante Vermischung von klassischen Elementen und Club-Kultur.

 

Idiosynkrasia setzt Tristanos Reise fort. Während sein letztes Soloalbum bereits von Moritz von Oswald gemastert und co-produziert worden war, zeigt er sich hier noch stärker vom Techno begeistert. Die Zusammenarbeit mit Detroit-Legende Carl Craig in dessen Studio spielte eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Platte. „Für mich ist Planet E das Mekka des Sounds“ meint Tristano. Speziell auf dem von einer unnachgiebigen Klavierlinie angetriebenen Hello-Inner Space Dub zeigt sich der Einfluss des frühen Detroit-Technos. Tristano versucht nicht nur das Piano von bestimmten Klischees zu befreien, er ist davon überzeugt, dass es keine Grenzen in der Musik gibt. Sie sollten unbedingt herausfinden, welche individuelle Reaktion diese Musik bei Ihnen hervorruft. Ekel wird es mit Sicherheit nicht sein! Vormerken: Idiosynkrasia erscheint am 19.11!

 

Auf dem gleichen Label (Infiné) bereits erschienen ist eine weitere äußerst interessante Veröffentlichung. Bachar Mar-Khalifé ist der Bruder des erwähnten Aufgang-Pianisten und selbst auch ein hervorragender, klassisch Ausgebildeter Pianist und Perkussionist. Und - um den Kreis zu schließen – arbeitet er hier unter anderem auch mit dem Aufgang-Schlagzeuger Aymeric Westrich zusammen. Was Oil slick so interessant macht, ist die Miteinbeziehung der libanesischen Wurzeln der Khalifé-Brüder. Neben englischem und französischem Gesang sorgt hier Arabisch ebenso für Abwechslung wie deutlich wahrnehmbare folkloristische Ansätze. Zudem werden hier auch durchaus ernste Themen angesprochen. Das Stück Democratia verdeutlicht in seiner musikalischen Umsetzung wie komplex, langwierig aber auch spannend der Weg in die Demokratie sein kann. Progeria setzt sich mit der seltenen Erkrankung auseinander, bei der Kinder frühzeitig vergreisen. Oil Slick ist eine moderner, avantgardistischer wie ambitionierter Versuch einer Definition von Kammermusik. Mehr noch als bei Tristano ist hier eine Eigentümlichkeit im positivsten Sinne zu entdecken, das ist wahrlich alternative Musik! Absolut empfehlenswert!


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