Toms Rückenschule
25.10.2010
Komm doch, Winter, komm!
Jeder Schreibtischtäter und Notebook-Akrobat dürfte das Kennen: Irgendwann tun die Augen weh, der Nacken ist verspannt und im Kreuz zwackt es auch. Wenn Arbeitsgeräte wie Körper langsam nicht mehr der neuesten Generation angehören, besteht Handlungsbedarf. Von TOM ASAM
Der Augenarzt verweist auf die Nützlichkeit einer Lesebrille. Na gut, mal schauen. Vielleicht erst mal etwas Bewegung und frische Luft! Ach was, bei dem feuchtkalten Wetter, wird alles nur schlimmer. Um mir selbst wenigstens guten Willen zu attestieren, melde ich mich der Rückenschule an; bei regelmäßiger Teilnahme gesponsert von der Krankenkasse jener, deren Einkommen nicht niedrig und vor allem nicht hoch genug ist, sich aus Sozialpakt zu verabschieden. Einmal die Woche reicht nicht, heißt es da, also: schön Übungen zu Hause machen. Rein in die Jogginghose, Übungsmatte ausgerollt, looos! Halt, ohne Musik ist auch blöd. Was passt da jetzt?
Da man noch Weltmusik sagte ...
Ich versuchs mal mit Pierre Bensusan und seinem neuen Album Vividly. Passender Titel, und das Cover erst! Tai Chi-Freak am Meer im Gegenlicht. Oder ist das Kapoera, vielleicht auch nur ´ne Yoga-Übung? Das wirkt allerdings schon etwas esoterisch und ästhetisch angestaubt. Erinnert - wie die Räumlichkeiten meiner Rückenschule - an Zeiten, da man noch Weltmusik sagte, ohne darüber nachzudenken, ob der Begriff nicht eigentlich Schmarren ist. Der Franzose ist ein begnadeter Gitarrist, der für seine Fingerfertigkeiten an der Akkustischen schon unzählige Preise erhielt. Ein renommiertes Klampfen-Fachblatt bescheinigte ihm vor zwei Jahren, der „best world music guitar player“ zu sein! Na also, world music, und zwar mit Einflüssen aus Folk und Jazz. Auf seinem bereits zehnten Soloalbum traut sich der Instrumenten-Guru erstmals seine Stimme einzusetzen. Passt ganz gut zum Sound, etwas nuschelig-lispelnd, teilweise leicht an Robert Wyatt erinnernd. Virtuoser Schönklang ohne Zweifel, auf Dauer aber laufe ich Gefahr, auf meiner Übungsmatte einzudösen.
Also was entspanndendes mit ein bisschen Groove, das wär jetzt was. Ideal: Die Easy Star All-Stars mit der Remix-Variante der Dub-Hommage an Pink Floyds Dark Side of the moon. Aus Dub Side...wird jetzt Dubber Side of the Moon. Die Remix-Variante dieses durchaus erfolgreichen Projekts vereint sehr namhafte Reggae Produzenten: U.a. Adrian Sherwood, Mad Professor und Scientist machen die Reise zur dunklen Seite des Mondes zu einer chillig-phantastischen Reise zurück in die Zukunft. Macht Laune und entspannt die Tiefen-Muskultatur (V.Ö.: 12.11)
Das Phallusartige eines Zeppelins
Langsam hälts mich nicht mehr auf der Bodenmatte. Um ein paar Ausdauerübungen musikalisch anzufeuern, lege ich Lez Zeppelin ein. Bisschen Luftgitarre als Bewegungstherapie. Lez Zeppelin, was soll das denn? Es handelt sich um vier Ami-Chicks, die das komplette Album Led Zepppelin I covern. Na gut. Um ehrlich zu sein, bin ich schon kein Fan des Originals. Sicher hatten die ihre Momente und einige unsterbliche Hits. Aber Led Zeppelin heiß halt auch: Blues falsch verstanden. Und vor allem: ironiefreies Rockstar- und Machotum. Der größte Beitrag zur Musikgeschichte dieser Band besteht deshalb meiner Meinung nach darin, einer der Gründe dafür gewesen zu sein, dass viele Leute von solchem Schmonzes die Schnauze voll hatten. Nur deshalb konnte es Punk und in der Folge Postpunk und New Wave in all seinen nach wie vor begeisternden und für jede neue Generation fruchtbaren Ausformungen geben! Jedenfalls fand ich es erheiternd, dass der Musik Express vor einigen Monaten L.Z. auf Platz 2 der meist überschätzten Bands der Welt wählte (nach den Stones).
Diese Damen allerdings halten es für eine tolle Idee, Dazed and Confused, Good Times Bad Times usw. zu covern. Leider ohne erwähnenswerten Eigenanteil. Prima: auch Frauen können was an ihren Instrumenten. Und auch Frauen können plumpen Sexismus. Um das Phallusartige eines Zeppelins auch für jene, welche die Lesebrille nicht aufsetzen zu verdeutlichen, unterlegt man hier das explodierende Luftschiff von Led Zeppelin 1 mit dem mittleren Teil einer männlichen Silhouette. Für Leute, die Sex and the City als emanzipatorisch einstufen, vielleicht der passende Soundtrack. Wenn´s mal echt wilder Rock sein soll, oder so. (erscheint wie die Easy Star All-Stars erst am 12.11.)
Jeder Ton hat Bedeutung
Da vergeht mir der Spaß an meinen Übungen. Also einfach auf die Matte gelegt und ein paar Highlights der letzten Wochen gelauscht, die hier - wie so vieles der unglaublichen Veröffentlichungsflut geschuldet – bisher nicht hier erwähnt wurden.
Das Anfang des Jahres bereits erschienene Us-Top 40 Album Of the blue colour of ths Sky von OK GO kommt nach einer nicht ganz freundschaftlichen Trennung der Band von ihrem Label EMI auf dem bandeigenen Label Parachute nochmal auf den Markt. Sehr zum Vorteil jener, die das Album noch nicht besitzen. Die Band, deren Laufbandvideo nahe der unglaublichen You-Tube-Klickzahl von 50 Millionen liegt und das sogar bei den Simpsons parodiert wurde (was in der aktuellen Popkultur wohl so was wie ein Ritterschlag ist), ist tatsächlich auch musikalisch relevant. Gutgemachter, zeitgemäß produzierter Pop. In der jetzt vorliegenden Extra nice edition mit zweiter CD, die Remixes sowie Demo- und Coverversionen (u.a. Pixies Gigantic!) enthält. Außerdem einen Downloadcode für jede Menge zusätzlicher Musik! Value for money, indeed.
Warpaint heißt eine Band deren Name unnötig martialisch ist. Denn die Musik auf The Fool klingt alles andere als kriegerisch. Es handelt sich eher um eine sehr gelungene Mischung aus The XX und Bands aus Zeiten, da das britische Label 4AD viele Menschen glücklich durch trostlose Winter brachte. Jeder Ton hat hier seine Bedeutung, weniger ist mehr. Die Atmosphäre muss stimmen, und das tut sie. Und: auch bei Warpaint handelt es sich um eine Frauenband, was hier genauso wenig zur Sache tut, wie deren Herkunft Kaliforniern.
Deerhunter haben bereits drei Alben veröffentlicht und sich dabei zu Kritikerlieblingen entwickelt. Auch das letztjährige Soloalbum des aus Athens, Georgia stammenden Frontmannes Bradford Cox unter dem Segel Atlas Sounds stellte ein Veröffentlichungs-Highlight dar. Mit Halygon Digest dürfte der Durchbruch nun doch gelingen. Dieser ambienthafte wie experimentierfreudige Pop ist einfach zu schön, um bloß Teil eines Mikrotrends zu bleiben. Raus aus der Hipster-Blognerd-Nische amerikanischer Collegekids, rein in die Plattensammlung! Man muss das auch nicht Glo-Fi nennen, um Freude daran zu haben. Mit durchgebogenem CD-Regal, aber gestärktem Rücken rufe ich: „Komm doch Winter, komm!“


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