Das Libretto seiner Oper Die Passagierin, deren Uraufführung 2010, mehr als vier Jahrzehnte nach ihrer Entstehung, von den Bregenzer Festspielen und den Opernhäusern in Warschau, London und Madrid koproduziert wurde, basiert auf dem selben Hörspiel wie der unvollendete gleichnamige Film des großen polnischen Regisseurs Andrzej Munk von 1963. Das Hörspiel wiederum beruht auf authentischen Erfahrungen von Zofia Posmysz, die daraus auch eine Novelle machte. Der Stoff scheint für eine Oper gewagt, jedenfalls ungewöhnlich. Er spielt, eingebettet in eine Rahmenhandlung, in einem nationalsozialistischen Konzentrationslager. In allen Versionen wird die Handlungsweise einer KZ-Aufseherin nicht mit ihrer Ideologie, sondern mit der Lust an Selbstbestätigung, an Erniedrigung anderer, an Machtausübung erklärt. Sie gewährt Vergünstigungen, weil sie, in völliger Verkennung der Situation, Dankbarkeit erhofft. Ihr Angebot wird abgelehnt, weil es demütigend ist. Gegen das Beharren auf Würde ist ihr Herrschaftsgehabe wirkungslos.
Diese Oper sollte für all jene zum Pflichtprogramm werden, die sich ihr Bild von einer KZ-Aufseherin aus Bernhard Schlinks Vorleser formen ließen. Der Rahmen, der bei Munk Fragment blieb, wird in der Oper von 1968 ausgeführt, hinzu kommt ein Männerchor, der wie im antiken Drama die Handlung kommentiert, und ein Epilog, der einer Zustimmung zur Äußerung einer Figur vorbeugt, jeder habe das Recht, den Krieg und somit auch das Leid der KZ-Opfer zu vergessen. Weinbergs streckenweise tonmalerische Musik nützt Jazzrhythmen und Folkloreelemente, ein Walzer verneigt sich vor Schostakowitsch. David Pountneys Regie geht bis an die Grenzen des Erträglichen. Aber billiger ist dieser Stoff nicht zu haben. Für Späßchen ist da kein Platz.
Die Oper wird mehrsprachig gesungen, deutsch und russisch, die Französin Ivette singt französisch. Eine Russin singt in einer berührenden Szene ein bekanntes russisches Volkslied a cappella – eine Hommage an Weinbergs neue Heimat und an die Ursprünge der Musik. Vor dem Epilog soll Tadeusz, der ebenfalls im KZ auf seinen Tod wartende Verlobte der zentralen Figur Martha, für die SS-Männer auf der Geige einen Walzer spielen. Stattdessen spielt er die Chaconne von Johann Sebastian Bach. Wiederum ein Bekenntnis zur Macht der – in diesem Fall: deutschen – Musik. Es ist dies eine der stärksten Szenen der Oper.