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Freitag, 25. Mai 2012 | 11:58

Caroline Henderson: Keeper of the Flame

20.01.2011

Große Ver- und Entführungskunst!

Mit Keeper of the Flame ist der in Dänemark wohnhaften Schwedin Caroline Henderson ein kleines Meisterwerk gelungen – samt einem veritablen Wunder! Von CHRISTOPH POLLMANN

 

Wie geht das? Der Opener Caravan in der Interpretation von Henderson schleudert uns gleich in ein James-Bond-Riesenmovie – und das mit kaum mehr als Piano, Drums, Bass. Geige und Bratsche bringen zwar noch einen unerhört exotischen Effekt mit ins Spiel, aber es muss Hendersons Stimme sein, die diese Combo zur gefühlten Orchestergröße aufpumpt – und das mit elegant federndem Groove. Ein Markenzeichen beinahe aller Songs auf diesem Album ist dabei die Snaredrum. Sie bleibt fast durchgehend ungespannt, was den Gesamtklang der Band ungemein befreit und in einer faszinierenden Schwebe hält.

 

Dann beginnt das Wunder: Mit It hurts me too präsentiert Henderson einen Blues, die so reduziert und lupenrein daherkommt, das man zunächst meint, es handle sich um die Parodie eines Blues. Aber nichts da – diese Interpretation ist schlicht eine Sensation! Allen Bluesverdrossenen, die meinen, aus diesem ewigen Tonika-Subdominante-Dominante-Genre sei nichts mehr herauszuholen, sei diese Nummer dringend empfohlen. Es muss schlicht Hendersons Kunst »angelastet« werden, diesem dermaßen spärlichen Arrangement eine solche Tiefe zu geben.

 

Und dann Nature Boy. Die sehnlich vermissten Streicher, die Filip Runesson arrangiert und eingespielt hat, sind endlich wieder da! Eine halbe Melodie angerissen, ein arabisches Riff -  und die gesamte Komposition bekommt eine völlig neue Dimension. Da gibt Henderson in aller Selbstverständlichkeit die Eartha Kitt und man weiß nicht mehr, wo, in welcher Zeit und welchem Film man eigentlich gerade ist.

 

Und nicht zu vergessen: die Bläsersätze!

Keeper of the Flame hat im Grunde keinen Tiefpunkt, und selbst das, was sich zwischen den Gipfeln von Nature Boy und It hurts me too sammelt, ist noch himalajisches Basiscamp. Die Zusammenstellung, so willkürlich sie vielleicht erscheinen mag, Jazz- und Bluesklassiker, Tom Waits-, Bob Dylan- und Pj Harvey-Cover, Caroline Henderson verleiht allen Songs einen gemeinsamen und völlig selbstverständlich eigenen Klang, ihren Klang. Ganz Musikerin, die sie ist, hat sie einfach die gute Komposition hinter dem jeweiligen Genregewand erkannt.

 

Und nicht zu vergessen: die Bläsersätze! Durchweg sind die raffiniert und elegant arrangiert, nur bei der einzigen Eigenkomposition auf dem Album (Evolution) scheinen sie etwas zu plakativ und im Gestus zu jamesbondesk geraten. Auch textlich ist Evolution sehr weit entfernt von der emotionalen Wärme der übrigen Nummern. Überhaupt: Der Henderson-Sound entfaltet sich besser in den Adaptionen, und das natürlich deswegen, weil die Handschrift der Interpretation hier erst hörbar werden kann! Erst durch die Maskierung der Klassiker kann wieder auf neue Qualitäten der Komposition aufmerksam gemacht werden. Aber das ist kein V-Effekt auf den Caroline Henderson hier setzt, es ist Anverwandlung im Sinne des Wortes, es ist Begreifen und wird zum Begriff, es ist ihre metamorphische Kunst! Und hier muss die eigene Komposition natürlich herausfallen. Die wahre Kunst Hendersons liegt demnach in ihrem Verständnis von Kunst, was vielleicht der einzige Makel wäre, den man ihr andichten könnte: Sie sei nicht vollends originär. Aber eine grandiose Mittlerin ist sie allemal.


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