Frankie Chavez: Family Tree von Michael Ebmeyer David Small: Stiche. Erinnerungen "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert Der FUTTERblog - streng verdaulich! Kennzeichen T - 28.04.2012
Freitag, 25. Mai 2012 | 12:04

Seefeel: same

03.02.2011

Ausnahmemusiker bei der Arbeit

Seefeel hören kann Folter sein. Keine Musik für den verkaterten Sonntagvormittag, eine denkbare schlechte Wahl für ein romantisches Candlelight-Dinner, eignet sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht als erfolgreiche Abschlussarbeit für die Mannheimer Popakademie. KRISTOFFER CORNILS entdeckt die Freuden des musikalischen Masochismus.

 

Ganze 16 Jahre lang herrschte Funkstille um die Londoner Band, bei denen sich niemand so sicher ist, wo sie anzusiedeln sind. Die Grenze zwischen elektronischen Sounds und experimenteller Gitarrenmusik hebeln Seefeel erfolgreich aus. So auch auf dem neuen Album, das den schlichten Titel Seefeel trägt. Und das ist gleichermaßen anstrengend wie gelungen.

 

Es ist paradox, dass ausgerechnet die Gitarren bei Seefeel als eines der Hauptcharakteristika gelten. Als die Band 1994 von Warp gesignt wurde, galt das für das eher technolastigen Label als Novum. Dabei ist eine wirkliche Gitarrenarbeit kaum auszumachen. Verfremdet, effektüberladen und zerstückelt wird das Instrument zum Sample, das neben den ganzen elektronischen Spielereien nur gelegentlich von spärlich gesäten Schlagzeugbeats zusammengehalten wird. Atonal kommen diese Klangcollagen daher, die in den Lautstärken mehr als in den Dynamiken changieren und zeitweise keine konkreten Songstrukturen aufzuweisen scheinen. Am augenscheinlichsten wird das bei Aug30. Keine Drums, nur ein auf- und abschwellender Sound, der von einem kreischenden Feedback abgelöst wird, wieder und wieder im Wechsel, ebenso repetitiv wie körperlich schmerzhaft. Aber grade an diesem Song, der eigentlich kaum als solcher zu bezeichnen ist, zeigt sich eine von Seefeels ganz großen Stärken. Sie können Rhythmen erschaffen, die ohne Metronom funktionieren. Das ohrenbetäubende Störgeräusch wird für den Hörer irgendwann antizipierbar, die Intervalle zwischen den Wechseln irgendwann messbar – voilà, die Grundlage für einen Beat, der ohne Snare und Bass auskommt.

 

Homogen und dynamisch

Man kann den redundanten mantrahaften Charakter, die meditative Grundhaltung dieser Platte nicht überbetonen. Weil sie selbst es in einem Maße überbetont, sich beides als Konzept gedeihen lässt, ihr Potenzial gerade daraus schöpft und spielerisch damit umgeht. Der Song Faults beweist, dass Seefeel trotzdem in der Lage sind, die Abzweigung Richtung Eingänglichkeit zu nehmen oder dabei von ihrem eigenen Weg abzukommen. Wenn Sarah Peacocks Stimme als weiteres Sample, als weiteres Collagenelement in den Mix geschaltet wird, strahlt die Musik Seefeels eine befremdliche Harmonie aus, ein nahezu wohliges Gefühl von konsumatorischer Sicherheit breitet sich aus. Das ist doch fast Pop. Dieses Gefühl endet, so schnell es gekommen ist, wenn die nächste Runde auf der auditiven Folterbank eingeläutet wird. Es sind so zwei Spannungspole, zwischen denen Seefeel beliebig hin- und herschalten, ohne auch nur für eine Sekunde ihre Homogenität aufzugeben oder an Dynamik zu verlieren.

 

Seefeel ist definitiv kein Album für den verkaterten Sonntagvormittag, eine denkbare schlechte Wahl für ein romantisches Candlelight-Dinner, es eignet sich ganz bestimmt nicht als erfolgreiche Abschlussarbeit für die Mannheimer Popakademie. Es ist eine Folter, sich dieses Album anzuhören. Aber eine, die man sich hin und wieder gerne antun wird, in dem Wissen, dass man Ausnahmemusikern bei der Arbeit zu hören kann, die es nicht drauf anlegen, Gefallen zu finden. Das tut die wenigste Kunst.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Unser Lieblingssufi live!!

06.06. Aachen, Musikbunker
07.06. Hannover, Musiktheater Bad
19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich
20.06. Berlin, Gretchen
21.06. Leipzig, UT Connewitz
22.06. ...

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...