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Freitag, 25. Mai 2012 | 12:10

Lydia Lunch: 1313

24.02.2011

Lunchtime: auch was für´s alternative Candle-light Dinner

Diese Wiederveröffentlichung eines semilegendären Werks führt uns zurück in ein kreatives wie düsteres New York, in eine Zeit nach Punk und vor Austrocknung der urbanen Subkulturen. Von TOM ASAM

 

Wenn man sich als Spätgeborener in die Berichte über die Zeit der 70er Jahre in New York einliest, setzt sich im Kopf ein Bild zusammen, dass schwer mit der Tatsache in Einklang zu bringen ist, dass das alles erst 35 Jahre zurückliegt. Ganze Stadtteile dümpelten verwahrlost vor sich hin und glichen fast Kriegsgebieten -  boten aufgrund niedrigster Mietpreise aber auch große Freiheit und waren Nährboden einer urbanen Bohemia. Als sich in New York gegen 1978 etwas entwickelt, dass den Stempel No Wave aufgedruckt bekommt, hat jede „normale“ Familie die heruntergekommenen innerstädtischen Gegenden verlassen. Wie Simon Reynolds in seinem Post-Punk-Standard-Werk „Rip it up and start again“ beschreibt, verlagert sich die Szene der Kreativen um diese Zeit gerade von Soho in die Lower Esat Side (LES). Lunch kommt als jugendliche Ausreißerin in diesen düsteren Schmelztigel und wird quasi adoptiert von Martin Rev und seinen Legendären Suicide – eine apokalyptische Erscheinung zwischen Punk und minimalistischer Elektronik, die in den letzten Jahren groß wiederentdeckt und mehrfach durch Samples von ihrem genialen 77er Debut geadelt wurde.

 

Sie gründet zusammen mit James Chance die kurzlebigen Teenage Jesus and the Jerks. Change gründet bald James Change and the Contortions (der auf einer 1979 auf ZE-Records erschienenen 12“ kurioserweise in zwei Songtiteln Verbindungen zu Deutschland herstellt: Schleyer´s Tires + Mc Graw Army Base/ Munchen – zu einer Zeit als allenfalls Berlin interessant schien, so auch für Lunch durch Zusammenarbeit mit den Einstürzenden Neubauten). 1978 bringt Brian Eno die Legendäre No New York-Compilation heraus, eine Veröffentlichung bei der er vier Bands die Möglichkeit gibt sich mit je vier Stücken zu präsentieren. Es sind sowohl Teenage Jesus als auch die Contortions vertreten, dazu DNA und Mars. Wie der Name No Wave anklingen lässt, ist eine musikalische Einordnung schwierig, da man sich von der schon schwer zu definierenden New Wave auch noch lossagt. Die genannte Compilation ist dann auch schon Höhepunkt eines speziellen Ausschnittes des großen Feldes Postpunk. Anfang der 80er differenzierte sich die Szene in eine tanzbarere Variante, derer sich unter anderem genanntes ZE-Label widmete und gitarrenorientierte Bands wie Sonic Youth.

 

Lydia Lunch nahm das Soloalbum 1313 im Jahre 1981 auf, verschiedenen Quellen zufolge erschien es im gleichen oder im darauf folgenden Jahr. Tatsche: dieses düstere Stück Musik wurde nicht in stinkenden Kellern der LES aufgenommen, sondern in Sun Valley, California! Davon merkt man allerdings nichts. Eher zäh dahinfließend suchen sich die Stücke ihren Weg in die Hirne der Hörer. Der rauchig-rockige Sprechgesang wird begleitet von einer wuchtigen Rhythmusabteilung. Eisige Lyrics verkitten den Widerspruch aus wütender Kälte und romantischer Verzehrung. Man sollte sich dieses Album in die Sammlung stellen, es fühlt sich wohl zwischen frühen Veröffentlichungen von The Cure und den momentan vermehrt wiederentdeckten Siouxie and the Banshees. Lydia Lunch und Siouxie Sioux sind trotz vergleichbar unspektakulären kommerziellen Erfolgen bis heute sehr einflussreich – dass unter vielen Nachfolgern auch grausam doofe Gothik-Bands und Kotzbrocken wie Courtney Love sind, bei denen das sich das Verhältnis von künstlerischem Input zu finanziellem Output teilweise deutlich anders herum gestaltet(e) ist auch ein Spiegelbild der Auflösung von Subkultur durch marktorientierte Inkorporation schnell aufgeschnappter Klischees.

 

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