Der Erfolg eines Songs kann für die Wahrnehmung einer Band durchaus problematisch sein. Zum Beispiel nervte mich der damals gerne gespielte Song Creep von Radiohead dermaßen, dass ich Jahre brauchte, bis ich erkannte, wie gut die Band ist. Bei Tuxedomoon ist es meiner Vermutung nach so, dass die Band aus San Francisco vorwiegend mit ihrem Hit No Tears aus dem Jahr 1978 in Verbindung gebracht wird. Nicht dass gegen diesen etwas einzuwenden wäre. Aber er wurde – und wird vermutlich immer noch – in unzähligen Provinzclubs irgendwo zwischen den ewig gleichen Songs von Anne Clark oder Sisters of Mercy totgenudelt und verrät wenig über die Qualitäten dieser Band.
Die Kalifornier starteten in dem Moment als Punk auf der Matte stand, erkannten aber sofort das dogmatische im ewigen Gitarre-Bass-Sicherheitsnadel-Getue. Tuxedomoon nutzten den DIY-Spirit in Verbindung mit wirklicher künstlerischer und musikalischer Freiheit. Sie bewegten sich zwischen 60´s-Freak-Spirit und Aufbruch in ein neues Zeitalter elektronischer Musik. Limits bezüglich Soundeinflüssen und Liveperformance schienen sie kaum anzuerkennen. Tabu war lediglich, zu klingen wie andere Bands. Und so treffen bei Tuxedomoon soundtrack-artige Momente auf Kraut/Eno-Verwandtes, düsterer Synthpop auf avantgardemäßige Psychostückchen mit Cabaret-Flair, Moog auf Violine und Saxophon. Nach begeisterten Erwähnungen in Andy Warhols Magazin Interview schwappte die Aufmerksamkeit Anfang der 80er von der West- an die Ostküste, bevor sich die Band Europa zuwandte. Rotterdam und das damals musikalisch innovative Brüssel waren Ausgangspunkte für weitere musikalische Experimente. Auf CramBoy, ihrem Label in Kooperation mit Crammed Disc, veröffentlichten sie fleißig jede Menge Musik.
Unearthed versammelt Demo- und Liveaufnahmen. So etwas riecht ja öfter mal nach Geldschneiderei mit zweifelhaftem Nutzen. Hier allerdings kann Entwarnung gegeben werden. Das ist nicht nur für eingefleischte Fans ein Grund zum Jubeln, sondern auch eine absolut überzeugende Möglichkeit, sich von der zeitlosen Genialität dieser Freigeister zu überzeugen. »Whatever they did it was always intelligent, beautiful and provocative« urteilte das Interview-Magazine 1982. Diese Aussage ist auch knapp 30 Jahre später gültig, was diese Aufzeichnungen anbelangt. Ob es für Tuxedomoons Live-Auftritte noch gilt, davon soll man sich im Sommer 2011 auch in Europa überzeugen können.
