Die Reaktionen auf David Sylvians 2009er Album Manofon waren sehr zwiespältig. In den 80ern mit Japan zu Ruhm gekommen, ruht sich Sylvian nicht auf diesem aus, sondern folgt immer noch seiner Intuition, seinem Herzen – oder was auch immer. Mit Sicherheit jedoch nicht dem Ruf der Massen und der Versuchung der schnellen Geldvermehrung. Minimalistisch und rhythmisch reduziert kam die Musik auf Manofon daher, vergänglich und unberechenbar wie die Präsenz des Rehs auf dem Cover. Mit Songstrukturen und Instrumentierungserfahrungen des gängigen Popkanons hat dies nicht allzu viel gemein. Wer Geduld und offene Ohren mitbringt, sieht sich von solchen Werken oft umso mehr belohnt.
Died in the wool – the Manofon variations, der Name deutet es an, basiert in weiten Teilen auf einer Reinterpretation des Manofon-Materials. Die Kombination aus Sylvians prägnanter Stimme und freier Improvisation wird mit der Unterstützung von Leuten wie dem Komponisten Dai Fujikura, den Produzenten Jan Bang und Erik Honoré sowie diversen Musikern fortgeführt. Fujikura, Pierre Bouléz Protegé und ein Mann vom Konservatorium, der sich bisher nicht in die Niederungen des Popbetriebs verirrt hat, fand die Zusammenarbeit genau aus diesem Grunde interessant – und weil er Sylvians Stimme für die wunderbarste auf diesem Planeten hält. Random Acts of senseless violence verpasst er ein Streichquartett, das die ruhigen Pianoparts kontrastiert, Stimme bzw. Textaussage dadurch aber eher unterstreicht. Jan Bang und Erik Honoré steuern Remixe des Titelsongs und von Emily Dickinson bei, sowie zwei neue Stücke, bei denen es sich um Arrangements um Gedichte besagter Emily Dickinson handelt. Die bedeutende amerikanische Dichterin des 19. Jahrhunderts schuf ihre größten Werke in einer Phase von zunehmender Vereinsamung und Krankheit – ihre letzten Worte waren: »I must go in, for the fog is rising.« Zu einer gewissen Vereinsamung mag es auch führen, wenn man sich Zeit nimmt, sich in diese Musik zu vertiefen, den Nebel mag man auch aufsteigen fühlen; wenngleich er nur zu einem wohligen Erschauern und einem Zustand angenehmer Melancholie gereichen mag.
Den Variations liegt noch eine zweite CD bei, die mit When we return, you won‘t recognize us einen 18-minütigen Stereomix einer Audio-Installation enthält, die ursprünglich für die Kanarische Biennale 2008/09 geschaffen wurde und von einem Artikel zu eine genetischen Untersuchungsreihe auf den Kanarischen Inseln inspiriert ist. Wie gesagt: Zeit und offene Ohren sind Voraussetzung für ein Eintauchen in die Welt eines Musiker, der hör- und spürbar beeinflusst ist vom Lebenswerk und -weg des geheimnisvollen, großartigen Scott Walker.