Thomas Kistner: Fifa-Mafia Frankie Chavez: Family Tree von Michael Ebmeyer David Small: Stiche. Erinnerungen "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert Kennzeichen T - 28.04.2012
Freitag, 25. Mai 2012 | 10:25

Max Goldt: L´eglise des crocodiles / Technical Drawings; The ruined map / V/A: Historische Aufnahmen / Historical recordings Volume I

02.06.2011

Für Juri

Gagarin Records ist nach eigener Umschreibung »Hamburgs funkelndes Auffangbecken für Fernwehtechniker, parabolische Psykotroniker, trendrenitente Konzeptzwerge und Gegenlärmproteine.« TOM ASAM versuchte sich anhand von drei aktuellen Veröffentlichungen der Hamburger auf die Umlaufbahn von Juri und Labelchef Feilx Kubin schießen.

 

Der 1969 geborene Felix Kubin hat bereits mit 12 Jahren Synthie-Pop-Entwürfe im Stile schräger Vorbilder wie Der Plan ausgelebt. In der Folge hat er sich als (Film-)Musiker und vor allem auch als Hörspielmacher einen Namen gemacht. Seit 1989 betreibt er zudem das Label Gargarin. Der 50. Jahrestag der historischen Erdumrundung, die seinen Inspirator Juri Gargarin zum Helden der Sowjetunion machte, sollte Anlass genug sein, hier mal mitzufliegen.

 

Ein herrlicher Einstieg in Gargarins Universum bietet sich durch die Wiederveröffentlichung von Max Goldts L´eglise des crocodiles an, ursprünglich als Mini-LP im Jahre 1983 erschienen. Goldt ist in erster Linie für seine Bücher und Hörspiele, manchen auch durch seine Titanic-Kolumnen, bekannt. An seine frühen musikalischen Großtaten erinnern sich wohl überwiegend Leute, die ihren Führerschein schon lange (nicht mehr) haben. Dabei sind natürlich Foyer des Arts hervorzuheben. Aber auch solo beglückte er die Menschen mit seinen eigentümlichen Heimwerker-Sounds, die gerne mit genialem Dilettantismus beschrieben werden. Herrlich schräg und von scharfsinnigem Humor sind die Kleinode aus Goldts Frühphase. Er nutzte ein Instrumentarium, mit dessen Hilfe sich u.a. mit präparierter Gitarre und Zither und der von ihm entworfenen Rubbermind Methode ein ganz eigenes Klangbild ergibt. Auch nach knapp 30 Jahren haben die Miniaturen ihre individuelle Aura behalten.

 

»Ich rauche tausend Zigaretten/das ist die kritische Distanz/ ich lebe von Beobachtung/ Dort stehen Biggi, Torsten und Hans/ Ich wend mich ironisch schmunzelnd ab/ Das ist die kritische Distanz/ zu Biggis Brust und Torstens Schwanz« …

 

heißt es im Song mit dem schönen Titel Kontakt zu jungen Menschen. Die verstörenden und verzaubernden Texte sind zentral, aber auch die Musik weiß zu gefallen. Während die symbolische Nachbarin an Foyer des Arts erinnert (die LP Von Bullerbü nach Babylon sei an dieser Stelle empfohlen), kann man in Dance with uncle Joe durchaus bereits eine Art Proto-Techno erkennen. Die ursprünglich in schlichter, unbedruckter PVC-Hülle erschienene EP wird nun mit zusätzlichem, bisher unveröffentlichtem Material aus den Jahren 1982/83 ergänzt und kommt mit großartigem Coverartwork, das auf Photos aus dem Erscheinungsjahr basiert.

 

Technical Drawings ist ein Duo, bestehend aus Melissa St. Pierre (präpariertes Piano) und Jesse Stiles (Electronics). Das mag sich nach schwer zu verdauender Avantgarde anhören, ist aber viel mehr percussiv-rhythmischer Hörspass als effekthaschendes Kunstgeknödel. Klingt streckenweise, als habe Goldt seine Rubbermind-Rhythmik mit Gamelan-Musikern weitergeführt. Wenn dann noch der Sprechgesang von Post-Rap-Poet Todd Jones dazu kommt, wächst da etwas Wildes, Erhabenes aus den Boxen, das man wirklich treffend strange flora betitelt hat. »We found an island on the edge of the world. With no name for it we made a claim for it. Pour votre fete: Dub concrete.« Der auf krasser Modifikation basierende, hypnotische Percussion-Taumel dauert leider nur eine halbe Stunde. Danach bleibt Zeit, eine Weile abwechselnd auf das sehr gelungene Artwork und die weiße Wohnzimmerwand zu starren, um sich für den nächsten Trip zu rüsten.

 

Vorher sei noch das Manifest von Gagarin-Records verkündet: »Let us undock from planet earth and become disembodied cosmonauts, like our Mechanical President whose telepathic phantasmagorias and corroded nightmares we transform into desolate electro-futuristic music!«

 

Wem das alles noch nicht abgespaced genug war, dem sei folgende Auswahl von Kuriositäten ans Herz gelegt, von Felix Kubin selbst in Jahre langer Arbeit zusammengesucht. Historische Aufnahmen I versammelt wahrlich obskure Tonspuren und Klangschätze. Goebbels lässt sich das Volkstrautonium, einen Synthivorläufer, von Oscar Scala näherbringen. Wir hören mit speziellen Mikrofonen aufgenommene Tiefseetöne, einen mechanisch-automatischen Sprachapparat oder verloren geglaubte akustische Dokumente früher Avantgarde-Künstler. Das Sammelsurium wirkt wie das Ergebnis einer rückwärtsgewandten Zeitreise, bei der man verschiedenste Zeitdokumente zusammengesammelt hat, um sich ein Bild des Planeten und seiner (ehemaligen) Bewohner zu machen. Doch je weiter man in deren Sichtung eintaucht, desto zweifelhafter werden Ursprung, Sinn und Belegbarkeit von Ursprüngen und Quellen. Ein ausführliches Booklet – das mir nicht vorliegt – erläutert und illustriert die einzelnen Stücke. Der Titel gewährt uns Vorfreude auf weitere Trips.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Unser Lieblingssufi live!!

06.06. Aachen, Musikbunker
07.06. Hannover, Musiktheater Bad
19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich
20.06. Berlin, Gretchen
21.06. Leipzig, UT Connewitz
22.06. ...

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...