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Freitag, 25. Mai 2012 | 10:29

Jeudah: While we sleep

16.06.2011

Langweilige Gefühlsduselei

Jan Jämte und Kristian Karlsson leben 800 Kilometer voneinander entfernt. Dieser ist Mitglied von Khoma und jener spielt bei pg.lost. Unter dem Namen Jeudah haben sie sich zusammengefunden das Album While We Sleep eingespielt, ein Album, in dem KRISTOFFER CORNILS den Höhepunkt einer Entwicklung sieht, die aus dem einstmals spannenden Post-Rock-Genre eine ziemlich langweilige Angelegenheit gemacht hat.

 

Irgendwann Anfang der 2000er Jahre begann das bis dato immer innovative gewesene Genre des Post-Rock zunehmend generischer, uninteressanter und ideenloser zu werden. Paradoxerweise schossen im Folgenden jedoch nur immer mehr Bands aus dem Boden, die sich am Sound ihrer Wegbereiter abarbeiteten und der Musikrichtung weder originellere noch künstlerisch wirklich wertvolle Impulse gaben. Am Anfang der 2010er Jahre nun liefern Jeudah mit ihrem Debüt While We Sleep eine Platte ab, die immerhin von einer Seite aus betrachtet wirklich interessant ist: An ihr lässt sich perfekt nachvollziehen, was genau schiefgelaufen ist in den letzten Jahren.

 

Als die ersten Post-Rock-Kombos wie Tortoise in der Mitte der 90er des letzten Jahrhunderts maßgebliche Alben veröffentlichten, bestachen diese durch aufgebrochene Songstrukturen, Einsatz von Dissonanzen, Klangcollagen und Soundscapes, dem Wegbleiben von Vocals und nahezu epischen Längen in Songs, die noch mit traditionellen Rockinstrumenten gespielt wurden, aber kaum noch Parallelen zum Mainstream der Grunge-Ära aufwiesen. Stattdessen bediente man sich lieber in anderen Genres, Krautrock, Jazz oder elektronische Musik wurden zu etwas völlig Neuem zusammengesetzt.

 

Irgendwann kam der Durchbruch des Genres, das erst durch Musikkritik und Fans zu einem gemacht wurde: Eine deutlich definierbare Schnittmenge war kaum vorhanden, anfangs jedenfalls nicht. Irgendwann bildete sich die Szene aus sich selbst heraus und expandierte wild, klonte sich konstant. Auf die Erfolge von Mogwai, Godspeed You! Black Emperor und Explosions In The Sky folgten zahllose Epigonen. Der Trend ging nicht mehr zum Experiment, sondern zunehmend zu Harmonie, überproduzierter Wuchtigkeit und melancholisch überdehnten Gänsehauteffekten. Spätestens mit Sigur Rós war auch der  Gesang wieder en vogue, in den letzten Jahren lehnten sich einige Genrevertreter zunehmen dem Pop zu.

 

Bei dem sind Jeudah definitiv angekommen. Nicht, dass Pop etwas Schlimmes wäre – es ist ein ebenso schwammig definiertes Genre wie der Post-Rock eigentlich auch, hat seine guten Seiten und schwarzen Schafe. Aber aus dieser Nische bedienen sich Jeudah ebenfalls nur bei den Klischees: Die gefühlsduseligen Lyrics würden auf keiner Schmonzettenanthologie des Bubblegum-Pops großartig auffallen, da helfen auch die esoterisch-bedeutungsschwangeren Songtitel wenig – die sind dann allerdings wieder gang und gäbe im Post-Rock-Zirkus. Dissonanzen kennen die beiden Musiker erst recht nicht, fast schon krampfhaft wird alles in einen harmonischen Brei aufgelöst, der in seiner Wohlfühligkeit ekelhaft kitschig daherkommt. Dem kann man eigentlich nur mehr mit Ironie begegnen, aber es ist wohl davon auszugehen, dass die Skandinavier ihr Projekt todernst meinen. Sogar das Label des Experiments verpassen sich Jeudah ungetrost selbst: Immerhin wird ja größtenteils auf Gitarrenarbeit verzichtet. Wahnsinn, muss man erst mal drauf kommen. Und selbst trotz des Verzichts auf das generische Gitarrengeflirre, das die Post-Rock-Szene momentan weitestgehend dominiert, schaffen es Jeudah erstaunlicherweise, wie jede andere ihrer Vorgängerbands zu klingen – und die haben sich ja ebenfalls bei den wirklich spannenden Bands von damals nur die massentauglichsten Motive herausgepickt.

 

While We Sleep zeichnet die Misere deutlich ab: Überproduzierte Hits mit höchstem Redundanzfaktor dominieren und mehr um mehr solcher Alben werden auf den Markt geworfen. Der Connaisseur und Aficionado experimenteller Musik ist schon fast zum Konservatismus gezwungen, sieht er sich mit der langweiligen Gefühlsduselei im Kleid von gefälliger musikalischer Epik konfrontiert. Das ist nicht spannend, das ist nicht originell. Das ist lediglich ein weiterer Sargnagel für eine einstmals aufregende Sparte, die sich mittlerweile selbst überlebt hat.

 

 

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