Frankie Chavez: Family Tree von Michael Ebmeyer Andrea Maria Schenkel: Finsterau David Small: Stiche. Erinnerungen Eli Pariser: Filter Bubble Der FUTTERblog - streng verdaulich!
Freitag, 25. Mai 2012 | 10:41

Biosphere: N-Plants

25.07.2011

Kernschmelze

Es ist zum Haareraufen: Nach all der medialen Ausschlachtung, dem hochnotpeinlichen Polittalk und dem Erscheinen der ersten Bücher nun auch noch ein Album, das sich konzeptuell an Atomkraftwerken abarbeitet – an japanischen, selbstverständlich. Aber, das sollte gesagt werden, Geir Jenssen, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Biosphere, hat mit der Arbeit an N-Plants einen Monat vor dem gewaltigen Erdbeben, den Tsunamis und den Kernschmelzen begonnen. Von KRISTOFFER CORNILS.

 

Es fing mit einer harmlosen Recherche an: Jenssen wollte sich mit dem sogenannten post-war economic miracle in Japan befassen, der schier unglaublichen wirtschaftlichen Erholung eines vom Krieg und seinen Folgen schwer geschädigten Landes. Er stieß auf ein Foto des Atomkraftwerks Mihama in der westlichen Präfektur Fukui, welches sich direkt am Meer befindet. »Are they safe when it comes to earthquakes and tsunamis?«, so der Künstler selbst, habe er sich gefragt und sich im Folgenden nur noch auf japanische Kernkraftwerke konzentriert. Auf ihre Architektur, auf ihr Design, auf die Orte, an denen sie sich befinden und auf die Gefahren, die sie bergen können. Das alles lässt der Norweger im Pressetext sehr bedächtig verlautbaren – dass sein Album wohl trotzdem als politische Nachricht (miss)verstanden werden wird, das steht jedoch zweifelsfrei fest. Zuviel Skandalon für ein Album, das sich der beliebten Form des narrativen Konzeptalbums versperrt und stattdessen einen ambitionierten künstlerischen Versuch darstellt. N-Plants will Plastizität bilden, anstatt sich auf das Erzählen zu verlegen, Strukturen transformieren und greifbar machen. Dass die 50 Minuten Ambient Techno, die dabei herausgekommen sind, nicht unbedingt viele Höhepunkte, viel Dramatik oder gar ausgefallene Strukturen zu bieten haben, sollte offensichtlich sein.

 

Zugegebenermaßen: Es bedarf wohl überhaupt der Hintergrundinformation. Denn aus Songtiteln wie Sendai-1, Joyo oder Genkai-1 wird sich nicht jedem sofort die konzeptuelle Ausrichtung erschließen. Hat man die den Songs zugrundeliegende Thematik allerdings erst mal verinnerlicht, wirft man selbst einen Blick auf Architektonik und wägt, mit einem bestimmt mulmigeren Gefühl als Jenssen es noch im Februar hatte, die Gefahren dieser überwiegend pastellfarbenen Komplexe ab, dann erschließt sich die Musik immer weiter. Und wird irgendwann zum auditiv-visuellen Selbstgänger.

 

Biosphere liefert einen dezenten, weit weniger kühl als erwarteten Sound, der wie eine Kamerafahrt funktioniert, die mit häufigen Zitaten auf die Musik der Achtziger und glitchigen Elektroschnipseln ein schönes Finish erfährt. Würde man dem alten Bonmot folgend, das meistens Frank Zappa zugeschrieben wird, die Frage nach der Tanzbarkeit dieser Architektur stellen, wäre die Antwort eindeutig – kein Four-To-The-Floor, kein bisschen von dieser körperlichen Herausforderung, die allein der Begriff Techno schon immer an den Körper zu stellen scheint. Stattdessen sorgsam, wie Stück für Stück abfotografiert und später zum großen Bild vervollständigt, die einzelnen Motive, die sich auf einem meist gleich bleibenden Grundmuster ablösen oder umspielen, nie aber wirklich kontrapunktieren. Herausstechend sind höchstens die Sprachsamples auf Japanisch.

 

So viel angestrengte Exegese man auch betreiben wollte – eine Gefahr strahlen die neun Kompositionen nicht aus, es wird nicht mal der Angsttrigger Fukushima-Dai-ichi eingesetzt. Sollte Jenssen zu der Anlage Musik verfasst haben, er will mit der Katastrophe, die im März ihren Anfang nahm, nicht hausieren gehen. Selbst wenn er zugibt, mittlerweile gefragt zu werden, ob er denn die Zukunft voraussagen könne. Könnte er das allerdings, vielleicht hätte er einen anderen Zeitpunkt gewählt, um N-Plants zu schreiben. Denn so wird er leider nicht überall als der Schöpfer eines gleichermaßen genialen wie geglückten intermedialen Experiments oder der Komponist eines unendlich organischen möglichen Meilenstein des Ambient Techno gefeiert, sondern könnte Opfer der Schlagworte werden, die sich unweigerlich aufdrängen, ist von Japan und Atomkraftwerken die Rede.

 



 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Unser Lieblingssufi live!!

06.06. Aachen, Musikbunker
07.06. Hannover, Musiktheater Bad
19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich
20.06. Berlin, Gretchen
21.06. Leipzig, UT Connewitz
22.06. ...

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...