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Freitag, 25. Mai 2012 | 10:50

Rostropovich (3 CDs)

01.09.2011

Rostropowitsch oder Casals?

Eine 3 CD-Box des großen russischen Cellisten. Vorgestellt von THOMAS ROTHSCHILD

 

Man mag darüber streiten, ob David Oistrach oder Yehudi Menuhin, Nathan Milstein oder Jascha Heifetz, Fritz Kreisler oder Isaac Stern, Leonid Kogan oder Dmitri Sitkowetski, Gidon Kremer oder Anne-Sophie Mutter der bedeutendste Geiger (bzw. die bedeutendste Geigerin) des 20. Jahrhunderts war. Bei den Cellisten wird die Auswahl enger. Am Ende wird man sich zwischen Pablo Casals und Mstislaw Rostropowitsch entscheiden müssen. Vielleicht kommt noch André Navarra hinzu. Nennen wir noch, wegen ihrer Verdienste um die zeitgenössische Musik, Rudolf Kolisch bei den Geigern und Siegfried Palm bei den Cellisten. Das war's aber dann schon. Ein paar sind nachgewachsen, die auf dem Weg sind, im 21. Jahrhundert das Format der Genannten zu erreichen, aber zu frühes Lob verdirbt den Charakter.

 

Die kleinere Zahl genialer Cellisten entspricht dem engeren Repertoire für das Cello. Es stand stets im Schatten der Violine. Und so bleibt auch heutigen Cellisten meist nichts anderes übrig, als die wenigen Cello-Konzerte der klassischen Literatur stets aufs Neue zu interpretieren. Einige davon zählen freilich zum Schönsten, was die Musikgeschichte hervorgebracht hat. Und so wird man nicht müde, sie immer wieder zu hören, wenn sie etwa von einem Mischa Maisky, dem Meisterschüler von Rostropowitsch vorgetragen werden.

 

Die bekanntesten Cellokonzerte – von Haydn, Schumann, Dvorák und Saint-Saëns, ferner von Elgar und, für Rostropowitsch komponiert, von Schostakowitsch –, ergänzt mit Cellowerken von Tschaikowski und Chatschaturjan, interpretiert Rostropowitsch, von der BBC in den sechziger Jahren live aufgenommen, auf drei CDs, die jetzt als Box erhältlich sind. Das Konzert des Tschechen Dvorák, von dem Rostropowitsch unzählige Aufnahmen gemacht hat, wurde am 21. August 1968, an dem Tag, an dem russische Panzer in die Tschechoslowakei gerollt waren, von einem sowjetischen Orchester mit einem sowjetischen Dirigenten und einem sowjetischen Solisten gespielt.

 

Atemberaubende Nuancen

Man soll Musik nicht überinterpretieren, aber im zweiten Satz und auch in der Coda gewinnt man den Eindruck, dass Rostropowitsch von unendlicher Trauer erfüllt war. Am Ende hört man denn lauten Jubel vom Publikum, das vor dem Konzert noch protestiert hatte. Rostropowitsch selbst, der bald darauf zunächst wegen seiner Stellungnahme für Solschenizyn ein Ausreiseverbot erhielt und später aus der Sowjetunion ausgebürgert wurde, war sowieso über jeden Verdacht politischer Komplizenschaft erhaben. Das Beiheft liefert eine eindrucksvolle Beschreibung der Atmosphäre, die bei diesem Konzert herrschte. Ein Beitrag über das Verhältnis von Musik und Politik. Das Thema scheint unerschöpflich.

 

Es ist schon atemberaubend, welche Nuancen Rostropowitsch aus seinem Instrument herausholt, wie er es einmal singen lässt und dann wieder, vor allem in den tiefen Lagen, mit einem kraftvollen Strich zu einem hochdramatischen Ausdruck verführt, wie er den vollen, satten Klang übergehen lässt in expressiv spröde Passagen. Seine ganze Meisterschaft kann Rostropowitsch in der Kadenz des von ihm selbst ungewohnt schnell dirigierten Kopfsatzes von Haydns lange verschollenem C-Dur-Konzert demonstrieren, die Benjamin Britten für ihn komponiert hat. Benjamin Britten übrigens ist der Dirigent bei den Aufnahmen des Schumann-Konzerts und eines Tschaikowski-Capriccios.

 

Camille Saint-Saëns wird von vielen Musikkennern nicht so recht ernst genommen. Sein berühmtes erstes Cellokonzert kommt so nah an Tschaikowski heran, wie ein Franzose nur an den russischen Filmkomponisten avant la lettre kommen kann. Aber man muss zugeben, dass es in seinem Auskosten von Effekten kaum seinesgleichen hat. Rostropowitsch kann da noch einmal seine Virtuosität unter Beweis stellen. Leider sind die Aufnahmen trotz Remastering technisch nicht durchweg befriedigend. Was nicht auf dem Band ist, kann man halt nicht wieder herstellen.

 

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