Wiederveröffentlichungen
01.09.2011
Back foor good
Lohnenswerte Neuveröffentlichungen aus dem Rootsreggae-Bereich und eine Ausgrabung des französischen Unikums Ghedalia Tazartes. Von TOM ASAM.
Wenn es um Reggae und Ska geht, bin ich eher Traditionalist. Das liegt zum einen mit Sicherheit daran, dass vor allem die jamaikanischen Aufnahmen aus den 60er und 70er Jahren eine ganz eigene Aura besitzen. Hinzu kommt, dass der ganze Überbau der Rastafari-Bewegung etwas schwer Greifbares ist, und für Außenstehende am ehesten mit zeitlichem und räumlichem Abstand betrachtet zu verarbeiten ist. Wie in vielen anderen Bereichen kann man sich auch im Reggae seit einigen Jahren über schöne Wiederveröffentlichungen freuen. In den letzten Wochen gab es wiederholt die Möglichkeit, sich ein paar Essentials neben die in jedem Haushalt unabdingbaren Marley-Scheibchen zu stellen.
Fangen wir an mit dem Debut-Album von Augustus Pablo aus dem Jahre 1973. Pablo ist vor allem für seinen eigenständigen Sound bekannt, der durch den Einsatz des eher ungewöhnlichen Instrumentes Melodica zustande kommt. Seine moll-lastigen Melodica-Soli liegen oft über den dubigen Reggaebeats und sorgen für einen interessanten Kontrast. This is... wurde von seinem Freund aus Jugendzeiten, Clive Chin produziert, dessen Vater in Kingston den legendären Plattenladen Randy´s besaß. Die Re-Issue dieses Meisterstücks des frühen Instrumental Dub kommt Remastered und mit informativen Linernotes versehen. Obendrauf gibt’s mit Marabi, einer Version von Dennis Browns Cheater einen bisher unveröffentlichten Track und zwei weitere Bonustracks, darunter das legendäre Java.
Mehr Java? O.k., take this: Java,Java,Java, Java! Dieses Album erschien bereits 1972 und gilt als das erste komplette Dub-Album, das in Jamaika erschien. Etwas später im Jahr erschienen Lee Perry´s Blackboard Jungle Dub und Herman Chin-Loy´s Aqarius Dub. Übrigens alle in einer Auflage von 500 Stück – nur falls jemand auf die Idee kommen sollte, sich nach einem Original auf die Suche zu machen. Aufgenommen und produziert wurde Java, Java, Java vom bereits erwähnten Chin im Studio 17, das praktischerweise im Stockwerk über Randy´s lag. Ein unverzichtbarer Dub-Klassiker, der auch nach fast 40 Jahren nichts von seiner Magie verloren hat. Die Formation, die sich hier um Pablo und Chin scharrte, nannte man Impact Allstars.
Wer noch nicht genug hat, kann sich noch das Debut der Roots-Reggae Formation Culture besorgen. Die Band um den Lead-Sänger Joseph Hill veröffentlichte Two seven clash im Jahr 1976, ein Jahr vor dem im Titel anklingenden, vom Marcus Garvey prophezeiten Weltuntergang. Der trat bekanntermaßen nicht ein, Culture wurden im besagten Jahr dafür durch eine Tour mit The Clash bekannt – und Hill zu einer zentralen Figur des Roots Reggea. Culture existieren noch heute, allerdings mit neuem Sänger, Hill verstarb 2006 auf Tour in Deutschland. Das Titelstück dürfte jeder schon mal gehört haben, das ganze Album kann man sich jetzt holen, oder die Anfang das Jahres erschienene 4-fach CD-Set Culture at Joe Gibbs.
Eher nichts am Hut mit Roots Reggea und Dub hat Ghédalia Tazartés, ein türkisch-stämmiger Avantgarde-Musiker aus Frankreich. Der 1947 geborene Tazartés, der sich jeder Kategorisierung entzieht, veröffentlicht auch schon bereits seit über 30 Jahren. Und mit Repas Froid kann man eine Reise zu seinen Roots unternehmen. Fundstücke aus seinem Archiv wurden zu zwei langen Stücken montiert. Sound Loops treffen auf Field Recordings, Vögel und Keyboards zwitschern um die Wette, rituelle Beats treffen auf religiös wirkende Gesänge, Stimm-Samples schaffen eine verwirrende Stimmung und manche Noise-Quelle erschließt sich gar nicht. Tazartés kümmert sich nicht um Songstrukturen, Genres oder Hörgewohnheiten. So bleiben auch über 30 Jahre alte Aufnahmen geheimnisvoll, herausfordernd, spannend und hypnotisierend. Genau der richtige Kontrast, um unsere Ohren nach dem ausführlichen Jamaica-Trip neu zu justieren.

Titelfoto: UDL. Dub Lab. / Dubdem
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