Toms Schnellgericht
01.09.2011
Tröten und mehr
Entspannte Feierabend-Platten mit mehr oder weniger Passion und Subtilität. Von TOM ASAM.
In der eher seltenen Besetzung Stimme, Piano, Posaune wollen uns Jazz-Sängerin Sabine Müller und Begleitung das Schöne, die Liebe und auch die damit verbundenen Schattenseiten auf Passion, Pain and Poetry vermitteln. Müllers helle Stimme ist ebenso wie die Instrumentierung und die Produktion makellos. Für das Nachspüren »seismographischer Seelenerschütterungen« wirkt mir Seide aber ein wenig zu glatt. Passion and Pain fehlen hier etwas Erdung – sie werden eher aus Sicht des Poeten dargestellt. Die textlichen Ergüsse hingegen sind vom poetischen Standpunkt aus betrachtet ausbaufähig: »Now meet me, my friend/Beautiful friend/ My friend, come on, take my hand in the dark/ and then let´s meet again.« So bleibt eine – stellenweise durch Fender Rhodes und Glockenspiel ergänzte – angenehm licht instrumentierte Platte für Hörer, die den Tag bei einem Glas Rotwein ruhig ausklingen lassen wollen – ohne all zu viel Passion, Pain and Poetry. Auch nicht schlecht.
Der passende Anschluss: Lutz Krajenski Big Band meets Juliano Rossi. Spätestens seit Roger Cicero scheint es eine beachtliche potentielle Käuferschicht für eine neue Generation des Swing- und Big Band Sounds zu geben. Herr Rossi – übrigens ein Deutscher mit dem Namen Oliver Perau im Reisepass – hat es als dritter deutscher Jazzer geschafft, beim legendären Blue Bote Label einen Vertrag zu bekommen. Auch hier gilt also: handwerklich bombensicher und höchst professionell, aber... Wer den 50er, 60er und 70er Jahren in multiinstrumentaler Opulenz nachhängen will, bekommt hier neben Eigenkompositionen auch Klassiker (Spinning wheel, das Starsky and Hutch Theme Gotcha oder Ride like the Wind) geboten.
Posaune, die Dritte. Wenn Nils Wogram draufsteht, bin ich dabei! Der Tatendrang und die Veröffentlichungsdichte des 38-jährigen sind beeindruckend. Und wenn er sein Album Sturm und Drang nennt, dann passt das auch. Nostalgia ist eines von vier Ensembles, die Nils momentan am Laufen hat. Bei Wogram hat auch das Nostalgische eine eigene Stimmung und Leben. Er kann sich in ruhige Zonen begeben, ohne in die Nähe austauschbarer Lounge-Sounds zu geraten, er kann Zitate aufgreifen, ohne den Retro-Button zu zücken. Hier hat jemand verstanden, dass Jazz nichts Museales ist, und das man nicht maniriert rumeiern muss. Wie schon das Cover, das den Künstler in einer abgefuckten Dachkammer zeigt, so ist auch die Musik von hoher Eigenständigkeit geprägt. Wograms Posaune wechselt das Tempo und die Klangfarbe, Hammond Orgel und Drums/ Perkussion sind fett aber wohl portioniert. Sehr empfehlenswert!
Wenngleich musikalisch einer etwas anderen Baustelle (ja, welcher eigentlich?) zugehörig, sei an dieser Stelle ein weiteres Album empfohlen, das das Zurücklehnen und konzentrierte Zuhören belohnt: Jono Mc Cleery liefert mit There is eine subtile Meisterleistung zwischen Song und Track ab. Kann man wunderbar neben Jahreshighlights wie Nicolas Jaar oder SBTRKT stellen – um spätestens hier zu merken, dass Klassifizierungen wie Club/Elektronisch oder Beatzahlen keine Rolle spielen, sondern die Frage, ob einen Musik berührt. Mc Cleery reiht sich ein in die Liste junger Musiker, die Genregrenzen ohne erkennbare Mühen aufs Selbstverständlichste verwischen lassen. Großartiges Songwriting trifft auf subtile, melancholische Stimmungsbilder. Mc Cleerys soulige Stimme passt dabei wie die Faust aufs Auge. Große Emotionalität ohne Kitsch. Tipp: Garden und Wonderful Life hintereinander hören und bei Gefallen zugreifen. Das Album entfaltet auch über die gesamte Spieldauer magische Qualitäten.

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