Die Therapie
Die Therapie wird für Albin zur wirklichen Hölle. Entzugsqualen, Träume und die Stimmen sind dabei nur eine Seite des Terrors. Als ebenso fürchterlich stellen sich seine WG-Bewohner heraus. Einer von ihnen, Torben, ist nämlich ein Mitglied der rechten Szene. Die Vergangenheit holt Albin also in allen Details ein. Und die Konflikte bleiben nicht aus. Albin scheint durchzudrehen. Und als er dann auch noch Besuch von seiner ersten Freundin Corinna erhält, eskaliert die Situation.
Allerdings schiebt sich an dieser Stelle ein zweiter, durchaus auf geschichtlichen Fakten basierender Handlungsstrom ins Romangeschehen: Es geschieht ein merkwürdiger Geldraub, Albin wird Zeuge des Geschehens. Trotzdem wird er verdächtigt und die Polizei nimmt ihn zum Verhör mit in die JVA. Eine rätselhafte SMS »die taube/ kriegt ihr mutterkorn/ bleib noch müller/ für dein brot« trägt entscheidend zur Aufklärung der Straftat bei. Albin kommt wieder frei. Stattdessen wird sein Mitbewohner Torben verhaftet. Der gesteht in buchstäblich letzter Sekunde seine Verstrickung in das geplante Bombenattentat auf die Eröffnungsfeierlichkeiten der Münchner Synagoge am 9. November 2003.
So rätselhaft wie der Schluss ist auch der Titel des Romans: Mutterkorn. Das Mutterkorn bezeichnet einen giftigen Parasiten, der auf Getreide wächst und es enthält einen Stoff zur Produktion von LSD. Das Mutterkorn – eine Metapher für das Fremde, Ungenießbare, Verstimmende? Vielleicht das Verstörende im Menschen selbst, wie es im Motto des Buches, »Ihr kriegt uns hier nicht raus!«, einem Zitat von Peter Licht heißt?
Albins Geschichte verstört. Und dennoch entwickelt sich eine ungeheuere Kraft – Albins Streben nach Befreiung: »Ich will eine Zukunft, in der ich frei sein kann... der Gedanke an dich macht mich stark und gibt mir Kraft.« Dieses Bekenntnis, das er an seine Betreuerin Nina schreibt, wird zum zentralen Wendepunkt im Roman. Das Ende: »ein Apfelbaum, von dem Ninas Beine baumelten. Albin ging zu dem Baum und hangelte sich nach oben.« – Hoffnung! Auch auf neue Romane von Leonhard F. Seidl.
