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Freitag, 25. Mai 2012 | 11:06

Neil Smith: Bang Crunch

21.09.2009

Perverse Sekten machen sich breit

Ein Debüt hält sein Versprechen: Dieser Mann weiß, was er tut. BRIGITTE HELBLING über den souveränen Erzähler Neil Smith.

 

„Aus Jux“ belegte Neil Smith mit 36 Jahren in seiner Heimatstadt Montreal einen Creative-Writing-Kurs, wo die Kursleiterin ihn ermutigte, seine Geschichten an Literaturzeitschriften zu senden. Dort wurden sie veröffentlicht, es folgten Auszeichnungen, und irgendwann ergab das Bündel einen Erzählband, um den sich gleich mehrere Verlage in einer Auktion bemühten – selbst im Short-Story-freundlichen angelsächsischen Raum eine bemerkenswerte Erfolgsserie. Bang Crunch erschien in Kanada 2007. Smith wirke, schrieb damals ein Journalist, von seinem ungewöhnlich glatten Aufstieg „überrumpelt“.

Schwer zu glauben. Dieser Autor weiß genau, was er tut. Die deutsche Ausgabe von Bang Crunch zeigt in der eleganten Übersetzung von Gabriele Haefs eine erstaunlich breite, wohlüberlegte Palette an Geschichten und Szenarien – von der Abteilung für Frühgeburten im Krankenhaus („Im Isolette“) über einen Mann, der nach Entfernung eines gutartigen Tumors eine Selbsthilfegruppe gründet („die Gut8igen“), bis hin zur Vereinigung eines Handschuhpaars mit einem abgerissenen menschlichen Fuß („Extremitäten“). Risiken werden mit eingegangen – aber mit Bedacht. Die längste Geschichte umfasst 80 Seiten und schildert einen mäßig erfolgreichen Schauspieler, der ungewollt zum Racheinstrument seiner Schauspielagentin wird („Der Paradiesvogel“). Die knalligste Geschichte ist das Selbstporträt eines Mädchens, das im Alter von acht Jahren plötzlich rapide anfängt zu altern („Bang Crunch“).

„Deine Mum, irritiert von deinem anschwellenden Vokabular, geht mit dir zum Arzt, der dich einer dreimonatigen Testreihe unterzieht, und zwischen diesen Tests meisterst du Schreibschrift und Bruchrechnung, liest „Madame Bovary“, wächst sechsunddreißig Zentimeter, und als alle Ergebnisse vorliegen, bricht deine Mum zusammen.“

Im Plattenladen gleich neben Fat Boy Slim

Wenn eine Kurzgeschichtensammlung ein Plattenalbum wäre, dann wäre Bang Crunch die Hitsingle-Auskopplung dazu. Wenn Neil Smith eine Band wäre, stünde sein Werk im Plattenladen irgendwo in der Nähe von Fat Boy Slim. Der Erzählband ist Smiths Debüt, aber es ist das Debüt eines Mannes, der sein Geld mit Sprache verdient – mit Übersetzungen, vor allem für die Untertitelung von Filmen. Er habe nie Schriftsteller werden wollen, behauptet Smith, was unwahrscheinlich klingt. Welcher Übersetzer war nie versucht, es besser zu machen als seine mittelmäßigen Textvorlagen?

Smiths Erzählen ist souverän, und es ist komisch. Etwa John, der Mann mit dem Tumor: „John joggt jeden Tag. Vermeidet rotes Fleisch, vermeidet Milchprodukte. Keine Zigaretten, kein Drogen. Zum Henker, er behandelt seinen Körper wie einen Tempel, aber was passiert? Eine perverse Sekte macht sich breit und beginnt mit ihren Kulthandlungen.“ Oder der Blick in den Krankenhaussaal, in dem die Frühchen in Brutkästen liegen. „Für die Mutter ist das Baby mit seinen blauschwarzen Augen eine Außerirdische, die auf ihrem Planeten abgestürzt ist, versteckt und von Geheimagenten am Leben erhalten, während sie abschätzen, welche Bedrohung dieses winzige Alien-Wesen darstellen könnte.“

Zaungäste beim Spektakel ihres Unglücks

Mag sein, dass der Humor hin und wieder ein wenig bemüht wirkt – nicht jedes Leid kleidet sich gleich gut im Gewand der Komik. Der dezent lakonische Grundton trifft jedoch die Einstellung der meisten Figuren, die oft wirken, als versuchten sie Zaungäste beim Spektakel ihres eigenen Unglücks zu sein. Dazu gehören neben verstorbenen Vätern und alkoholkranken Müttern auch explodierende Raumfahrer und ein Amokläufer in einem Abendkurs für Deutsch. „Grün fluoreszierendes Protein“ ist dann eine Ausnahme: Berührend ungelenk wird da der Verwirrung eines Jugendlichen nachgegangen, dessen bester Freund ihm gerade eindeutige Avancen gemacht hat – die Geschichte liest sich wie das Vorspiel zu einem Coming-of-Age, das ausgespart bleibt.

„Mein Vater log mich nicht an. Er sagte nicht: ‚Sie kommt zurück.’ Er sagte kaum ein Wort. Er holte einfach einen Skizzenblock, um meine verwirrte Miene einfangen zu können.“ Die schönste Geschichte („Der Schmetterlingskasten“) erzählt vom Sohn eines Malers, der die Retrospektive seines verstorbenen Vaters besucht. Aus den Gemälden der Ausstellung rekonstruiert er Bilder ihres Zusammenlebens ab dem Moment, als die Mutter die Familie verlässt. Das Ergebnis bleibt brüchig, verhalten – als könnte ein Wort zu viel das Gebäude aus unterdrückter Wut, Trauer und Zärtlichkeit zum Einsturz bringen, das sich hier, für einmal, nicht in ein Schmunzeln flüchten will.

 

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