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Donnerstag, 02. September 2010 | 20:34

Stefan Petermann: Der Schlaf und das Flüstern

08.02.2010

Vom Dehnen der Zeit

Magischer Realismus aus Deutschland – Stefan Petermann hat sein beachtenswertes Debüt im noch jungen asphalt & anders Verlag gegeben. Von FRANK SCHORNECK

 

Stefan Petermann wagt in Der Schlaf und das Flüstern eine poetische Geschichte mit immenser Fallhöhe: Der Roman beginnt mit vier reglosen Körpern und einem Fernrohr auf einer Wiese. Zwei der Menschen sind tot, die beiden anderen lassen den Ort, an dem Schreckliches geschehen sein muss, zurück. Petermann lässt die beiden als einander abwechselnde Ich-Erzähler zu Wort kommen, entwickelt aus den Perspektiven von Janek und Pola heraus eine faszinierende Geschichte um die Fähigkeit, die Zeit anhalten zu können. Pola entdeckt diese Gabe bereits in der Kindheit an sich. Was auf dem Schulhof unterhaltsam und auch hilfreich sein kann, nutzt ihr leider nicht, als ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen. Sie wird fortan von ihrer Großmutter großgezogen, in einem Dorf namens Lange Sömme – einem Ort, der den ganzen Sommer über nach Kamille duftet.

 

Hier trifft sie auf Janek, ebenfalls ein Waisenkind, das es in das Kaff verschlagen hat. Janek zählt zu den tonangebenden Rüpeln der Schule und auch Pola wird zur Zielscheibe von jugendlicher Bosheit. Als Janek hinter Polas Geheimnis kommt, findet er einen Weg, ihre Fähigkeit für seine Interessen zu nutzen: Für die nahezu vollständige Verlangsamung der Zeit (für den Höhepunkt der Geschichte ist es wichtig, dass es sich nicht um Stillstand handelt) benötigt Polas Körper eine Phase der Regeneration. Während dieses komaähnlichen Schlafes ist sie empfänglich für Einflüsterungen, die ihr späteres Handeln bestimmen.

 

Poetische Sprache und stimmige Bilder

Stefan Petermann gelingt es, beide Protagonisten als eigenständige Charaktere mit Tiefe und Brüchen zu zeichnen. Der Schauplatz Lange Sömme mit seinen bodenständigen und störrischen Einwohnern; die zahlreichen Nebenfiguren, deren Schrullen und Schicksalsschläge detailliert ausgearbeitet sind; die vielen Andeutungen und Lücken, die die Fantasie des Lesers fordern – all das komponiert Petermann in einer klaren, poetischen Sprache und stimmigen Bildern. So ist zum Beispiel Polas verzweifelter Kampf gegen die Naturgewalt einer Windhose, die Lange Sömme zu vernichten droht, von einer tragischen Rasanz geprägt, die die physikalischen Widersprüche, die sich in Petermanns Grundidee verstecken, vergessen machen. Auch der wahrhaft fantastisch-furiose Höhepunkt gegen Ende hielte einer logischen Hinterfragung kaum stand – aber macht das nicht auch den Reiz von Theorien und Geschichten aus, die sich um die Manipulation von Zeit ranken?

 

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